Eine spirituelle Biographie

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Der Ehrwirdige Lehrmeister Mann Bhuridatta Thera
Eine spirituelle Biographie
geschrieben vom Ehrwürdigen Lehrmeister
Maha Bua NaJasampanno
Wald Dhamma aus dem Kloster Baan Taad

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Copyright 2004 © beim Ehrwürdigen Acariya Maha Bua NaJasampanno Dieses Buch ist ein kostenloses Geschenk des Dhamma und darf nicht zum Verkauf angeboten werden, denn, wie der Ehrwurdige Acariya Maha Bua Na1asampanno gesagt hat, Dhamma hat einen Wert, der iber allen Reichtimern der Welt steht, und sollte nicht wie eine Ware auf dem Markt verkauft werden.« Die Reproduktion dieses Buches, in seiner Gesamtheit oder auszugsweise, fur den Verkauf oder materiellen Gewinn ist untersagt. Die Erlaubnis zum Neudruck in seiner Gesamtheit oder auszugsweise zur freien Verteilung als ein DhammaGeschenk wird hiermit jedoch erteilt und das Einholen einer weiteren Erlaubnis ist nicht erforderlich. Die Erlaubnis zur elektronischen Reproduktion oder Verteilung dieses Buches mu• jedoch zuvor eingeholt werden. Anfragen können gerichtet werden an: Wat Pa Baan Taad, c/o Songserm Service, 89 Phosi Road, Udorn Thani, 41000 Thailand Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann Bhuridatta Thera,
vom Acariya Maha Bua Na1asampanno. Erste Auszige: 2004 Druck: offizielle webseite: www.luangta.com/englsih

Der Ehrwirdige Lehrmeister Maha Bua NaJasampanno

Der Ehrwirdige Lehrmeister Mann Bhuridatta Thera

 

übersetzt von Bhikkhu Martin

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Autors...........................................................................9

1. Die frühen Jahre............................................................................. 11

Die Prophezeiung .............................................. 13

Das Zeichen....................................................... 17

Der Ehrwurdige Lehrmeister Sao Kantsilo ........ 27

Die Hohle Sarika............................................... 38

Die Savaka Arahants ........................................ 59

Der Ehrwürdige  Lehrmeister Mann Bhuridatta Thera  •1870-1949•

Vorwort des Autors

Die Lebensgeschichte über die Praxis und die Tugend des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann Bhýridatta Thera, die du gerade im Begriff bist zu lesen, ist das Ergebnis einer umfassenden Nachforschung, die ich selbst mit Hilfe von Rücksprachen mit vielen ãcariyas1 aus seiner Anhängerschaft durchgeführt habe. Diese ãcariyas haben zusammen mit ihm während der verschiedensten Zeiten seiner Mönchslaufbahn gelebt.
Ich habe diese ãcariyas ausfindig gemacht, ihre Erinnerungen an ihn aufgezeichnet und habe das, woran sie sich erinnern konnten, verwendet, um diese Biographie zu schreiben. Dieses Buch ist keine genaue Darstellung, so wie ich sie mir wünschte, da es diesen Mönchen schier unmöglich war, sich an alle Erfahrungen zu erinnern, die der Ehrwürdige Lehrmeister Mann ihnen aus seinem Leben als wandernder Waldmönch mitgeteilt hat. Würde ich jedoch auf jede Einzelheit, an die man sich erinnern kann, warten, um diese Biographie zu schreiben, dann würde es nur eine Frage der Zeit sein, bis nicht nur alle Informationen vergessen, sondern auch für immer verloren sind, und alle Hoffnungen, diese zur Erbauung der künftigen Leser aufzuschreiben, würden dann sicherlich auch verloren gehen. Nur unter großen Schwierigkeiten und mit der Hoffnung, dass sie sich für den Leser trotzdem in einem gewissen Grade als nützlich erweist, habe ich diese, wenn auch unvollständige Biographie, zusammengestellt.
Ich werde versuchen, sowohl die vielen verschiedenen Aspekte seines täglichen Verhaltens als auch die inneren Verwirklichungen, zu denen er durchgedrungen ist und die er mit seinen Schülern erörtert hat, zu veranschaulichen. Das Wesen seines Edlen Lebens versuche ich in der Art der Ehrwürdigen Lehrmeister der Antike zu beschreiben, so wie diese das Wesentliche der Lebensgeschichten der Arahant-Schüler des Buddha auch in den alten Texten niederlegten, und zwar um sicherzustellen, dass alle zukünftigen Generationen eine Ahnung von
Ãcariya heißt eigentlich Lehrer, wird aber auch häufig als Respektbezeichnung für einen älteren Mönch benutzt
den möglichen Ergebnissen erhalten, die erwartet werden können, wenn das Dhamma ernsthaft praktiziert wird. Möge der Leser mir vergeben, falls meine Darstellung des Lebens des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann in irgendeiner Hinsicht als unangemessen erscheint. Die Wahrheit ist jedoch, dass dies ein tatsächliches Zeugnis ist, das die Erinnerungen des Lebens des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann Bhýridatta Thera festhält, genauso wie er sie uns selbst mitgeteilt hat. Obwohl ich nicht vollkommen glücklich bin mit diesem Buch, habe ich mich dennoch entschlossen, es zu veröffentlichen, da ich das Gefühl habe, dass diejenigen, die Interesse am Dhamma haben, einige wertvolle Einsichten beim Lesen gewinnen könnten.
1

Die frilel Jalre
In unserer heutigen Zeit war der Ehrwürdige Lehrmeister Mann Bhýridatta Thera ein vipassanã-Meditationsmeister vom allerhöchstem Rang, dem das außergewöhnliche Lob und die Verehrung, die ihm von seinen nächsten Anhängern gezeigt wird, wahrhaftig gebührt. Die tiefschürfende Natur von Dhamma, die er so eindrucksvoll lehrte, enthob seine Schüler jedwedem Zweifel über die herausragenden Ebenen seiner spirituellen Verwirklichungen. Unter seinen ihm ergebenen Anhängern waren zahlreiche Mönche und Laien, die aus fast allen Regionen Thailands stammten. Abgesehen davon hat er auch noch viele Verehrer in Laos, wo sowohl Mönche als auch Laien eine tiefe Verehrung ihm gegenüber empfinden.
Seine Biographie ist wahrlich eine durchgängig großartige Geschichte, angefangen von seinen frühen Jahren als Laie über seine Zeit als buddhistischer Mönch bis hin zu dem Tag, als er schließlich dahinschied. Heutzutage ist ein Leben solch unbefleckter Vortrefflichkeit schwerer anzutreffen als eine Ladung wertvoller Edelsteine.
Er wurde in eine traditionelle buddhistische Familie hineingeboren, an einem Donnerstag, dem 20. Januar 1870, dem Jahr der Ziege. Sein Geburtsort ist das Dorf von Ban Khambong im Distrikt von Khongjiam der Provinz Ubon Ratchathani.
Der Name seines Vaters war Khamduang, der seiner Mutter Jun und sein Familienname war Kaenkaew. Er war der älteste von acht Geschwistern, obwohl, als er starb, nur noch zwei seiner Geschwister am Leben waren. Als Kind von kleinwüchsiger Gestalt und hellhäutigem Teint, war er ausgesprochen schnell, energiegeladen, intelligent und findig.
Im Alter von fünfzehn Jahren ordinierte er als Novize (sãmaõera) im Dorfkloster. Dort entwickelte er einen wahren Enthusiasmus für das Studium des Dhamma und war in der Lage, die Texte mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit auswendig zu lernen. Als junger Novize von umgänglichem Wesen bereitete er weder seinen Lehrern noch seinen Mitmönchen irgendwelche Schwierigkeiten.
Nach zwei Jahren in seinem neuen Leben verlangte sein Vater von ihm, dass er die Robe ablegen und ins Laiendasein zurückkehren solle, damit er seiner Familie zu Hause aushelfen könne. Jedoch war seine Vorliebe zum Mönchsleben derart ausgeprägt, dass er sich sicher war, eines Tages wieder zu ordinieren. Seine guten Erinnerungen an das Mönchsdasein verblassten nie, sodass er eines Tages den Entschluss fasste, möglichst bald in das Mönchsdasein zurückzukehren. Diese starke Zielstrebigkeit war ohne Zweifel gegründet auf die Kraft unbeugsamen Vertrauens, auch als saddhã bekannt, die ein integrierender Bestandteil seines Charakters war.
Als er das Alter von zweiundzwanzig Jahren erreicht hatte, fühlte er einen unwiderstehlichen Drang, wieder zu ordinieren. Aus diesem Grund verabschiedete er sich von seinen Eltern. Diese wollten ihn nicht in seinem Trachten entmutigen, also gaben sie ihm ihre Erlaubnis, da sie auch gehofft hatten, dass ihr Sohn eines Tages wieder ordinieren würde. Zu diesem Zweck richteten sie ihn für seine Ordination mit einer kompletten Mönchsausstattung aus. Am 12. Juni 1893 (2436
B. Z. R) ordinierte er als Mönch im Kloster Wat Liap in der Provinzstadt von Ubon Ratchathani.
Sein upajjhãya2 war der Ehrwürdige Ariyakavï, sein kammavãcariya3 der Mönchslehrer Sitha, und sein anusãsanãcariya4 war der Mönchslehrer Prajuk Ubonkhun. Ihm wurde der religiöse Name Bhýridatta5 verliehen. Nach seiner Ordination verblieb er im Kloster Wat Liap, dem vipassanã-Meditationszentrum des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao.
2 Upajjhãya: Mönchsvater, derjenige, der über die Ordination des neuen Mönches
wacht und diesen in den Orden aufnimmt und bis zu seinem Tode sein Haupt-
Lehrer ist.
3 Kammavãcariya: der Lehrer der die Ordination ankündigt. 4 Anusãsanãcariya: bei der Ordination, der Lehrer der unterweist. 5 Bhýridatta: bedeutet ein Geschenk der Erde
Die Prophezeiung
Als der Ehrwürdige Lehrmeister Mann zuerst vipassanã in dem Zentrum des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao zu praktizieren begann, wiederholte er ununterbrochen im Geiste das Wort »Buddho«, die Erinnerung an den Buddha, da er dieses vorbereitende Dhamma-Thema allen anderen vorzog. Zu Anfang gelang es ihm nicht, den Grad von Ruhe und Glück zu erfahren, den er sich erwartet hatte. Das bereitete ihm wiederum Sorgen, ob er nun korrekt praktizierte oder nicht. Trotz seines Zweifels aufgrund seines anscheinenden Misserfolgs, ließ er nicht nach in seiner ununterbrochenen Wiederholung des Wortes »Buddho«. Schließlich führte dies dazu, dass er ein gewisses Maß an Ruhe in seinem Herzen entwickelte.
Eines Nachts hatte er einen Traum:
Er ging aus dem Dorf hinaus und betrat einen großen, dichten Dschungel, voll von undurchdringlichem Unterholz. Es war ihm kaum möglich, einen Weg zu finden um einzudringen. Er mühte sich so lange ab, sich einen Weg durch dieses unermessliche Dickicht zu bahnen, bis er schließlich sicher am anderen Ende herauskam. Da befand er sich am Rande eines riesigen Graslandes, das sich so weit ausdehnte, wie das Auge schauen konnte. Entschlossen fing er an, diese Weite zu überqueren, bis er plötzlich bei einem riesigen gefällten Jãti6 Baum anlangte.
Da dieser schon vor langer Zeit gefällt war, war sein Stamm teilweise im Erdreich eingebettet und der größte Teil seiner Rinde und das innere Holz schon verrottet. Er kletterte auf diesen gigantischen Jãti-Stamm und lief auf ihm in seiner vollen Länge entlang. Als er so dahinging, reflektierte er innerlich. Er war sich darüber im Klaren, dass dieser Baum nie wieder treiben und wachsen würde. Er verglich dies mit seinem eigenen Leben – er würde ganz sicher nicht mehr in zukünftigen Existenzen geboren werden. Er verglich den toten Jãti-Baum mit seinem eigenen Leben im saÿsãra. Da er verstand, dass dieser Baum verrottet sei und niemals wieder Wurzeln schlagen und zum Leben erwachen würde, glaubte er, dass er, wenn er seine ernsthafte Praxis aufrechterhalten würde, ganz sicher einen Weg zu einer definitiven
Jãti – ist das Pãliwort für Geburt.
Entscheidung finden werde und zwar noch in diesem Leben. Die unermessliche Ausdehnung des Graslandes symbolisierte die Natur des niemals endenden Kreislaufs von Geburt und Tod.
Als er so auf dem Stamm stand und hierüber nachdachte, trabte ein weißer Hengst heran und hielt neben dem Jãti-Baum an. Als dieser da so weilte, fühlte sich der Ehrwürdige Lehrmeister Mann gedrängt, ihn zu reiten. Also bestieg er dieses mysteriöse Pferd, das dann auch sofort in vollem Tempo davongaloppierte. Er hatte weder eine Ahnung, wohin er getragen, noch warum er getragen wurde. Das Pferd galoppierte also in vollem Tempo davon, ohne irgendwelche Anzeichen von Richtung oder Ziel. Die zurückgelegte Entfernung über dieses Land schien unermesslich. Als er so dahinritt, sah der Ehrwürdige Lehrmeister Mann in der Ferne eine wunderschöne, mit einem äußerst feinen, silbernen Rand verzierte Tipiåika-Vitrine7 stehen. Ohne dass er das Pferd dahin lenkte, führte es ihn selbst zu dieser geschlossenen Buchvitrine und hielt direkt vor ihr an. Als der Ehrwürdige Lehrmeister Mann vom Pferd abstieg, um die Vitrine zu öffnen, verschwand der weiße Hengst spurlos. Als er sich der Buchvitrine näherte, bemerkte er, dass sie sich ganz am Rande dieses unermesslichen Feldes befand und dahinter nichts als dichter und undurchdringlicher Dschungel lag. Er sah keinen Weg, diesen zu durchdringen. In dem Moment, wo er sich der Tipiåika-Vitrine näherte und seine Hand ausstreckte, um sie zu öffnen, wachte er auf, noch bevor er ihren Inhalt enthüllen konnte.
Dies war ein Traum-nimitta8 , ein Omen, das ihn in seinem Glauben bestärkte, wenn er in seinen Anstrengungen nicht nachließe, würde er unzweifelhaft den Weg entdecken, um das zu erreichen, wonach er sich sehnte. Von da an und mit erneuter Entschlossenheit meditierte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann intensiv und unerbittlich in seinen Anstrengungen, in all seinen täglichen Verrichtungen die Wiederholung des Wortes Buddho beizubehalten. Zur selben Zeit hielt er sich sehr sorgfältig an die asketischen dhutanga-Übungen9 , die er seit seiner Ordination auf sich genommen hatte und bis zum Ende seines
7 Tipiåika – es ist der Dreikorb, auch als der Pãli Kanon bekannt. Er ist die große
Sammlung der buddhistischen Texte, oft auch als die drei Körbe, vinaya, sutta,
abhidhamma, erwähnt.
8 Nimitta, allg. Ein Zeichen 9
Es gibt dreizehn dieser asketischen Übungen, denen sich ein buddhister Mönch freiwillig unterwirft.
Lebens ausübte. Diese dhutangas, denen er sich freiwillig unterwarf, waren: keine Roben anzunehmen, die ihm direkt von Laien angeboten wurden; ausnahmslos jeden Tag auf Almosengang zu gehen, es sei denn, er fastete; nur Essen anzunehmen, das ihm in seine Almosenschale gegeben wurde; niemals Essen zu akzeptieren, das ihm nach seiner Almosenrunde angeboten wurde; nur einmal am Tage zu essen, niemals Essen danach zu sich zu nehmen; nur aus seiner Almosenschale zu essen, niemals Essen zu sich zu nehmen, das sich nicht innerhalb dieses Gefäßes befindet; im Walde zu leben, was bedeutet, durch bewaldetes Gebiet zu wandern, dort zu leben und zu schlafen, in der Wildnis, in den Bergen und Tälern. Dies wiederum bedeutet, unter dem Blätterdach von Bäumen, in einer Höhle oder unter Felsvorsprüngen zu leben; und schließlich nur seine drei Roben, die äußere, die innere Robe und die untere Robe10 und zusätzlich ein Badetuch, das heutzutage einfach notwendig ist, zu tragen.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann nahm auch, den Umständen entsprechend, die verbleibenden der dreizehn dhutanga-Praktiken auf sich, aber die oben genannten sieben hielt er routinemäßig ein, bis sie zu einem Teil seines Charakters wurden. Sie wurden so sehr Bestandteil von ihm, dass man heutzutage wohl kaum jemanden treffen würde, der ihm darin gleichkommt.
Freiwillig legte er eine Ernsthaftigkeit an den Tag, in all dem, was er tat, einen Sinn zu finden. Niemals ging er seine Pflichten halbherzig an. Sein ernsthaftes Ziel war immer, die Welt zu transzendieren. Alles, was er tat, war dem edlen Ziel gewidmet, die kilesas11 in seinem Inneren zu vernichten. Aufgrund dieser Zielgerichtetheit gab er der Arroganz und der Einbildung keine Gelegenheit, in sein Herz einzudringen, obwohl auch er ganz genau denselben verunreinigenden Einflüssen wie jeder andere ausgesetzt war. In einer Beziehung unterschied er sich unglaublich von einer normalen Person, nämlich insofern als er, statt seinem Geist freie Bahn für die Herrschaft der kilesas zu geben und sich von ihnen überrumpeln zu lassen, er stets in Kampfesstellung ging und sie bei jeder Gelegenheit attackierte.
10 Sanghati, uttarasanga, und antaravasaka, respektive die äussere doppelte Robe, die innere Robe und das Unterkleid.
11 Kilesas, üblich die geistigen Verunreinigungen. Gemeint sind die Arme und Fän
ge von avijjã (geistiger Blindheit) von Gier und Hass in jeglicher Form und Er
scheinung.
Später, als er eine solide Basis in seiner Meditation entwickelt hatte und zuversichtlich wurde, untersuchte er auch das Traum-nimitta. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf diesen Traum und analysierte ihn Schritt für Schritt, bis er seine volle Bedeutung verstand. Als er als Mönch ordinierte und das Dhamma korrekt praktizierte, so verstand er, war dies gleichbedeutend mit dem Emporheben des citta12 auf eine Ebene, die jenseits der Giftstacheln dieser Welt liegt. Der dichte, undurchdringliche Dschungel, wo einem alle möglichen Gefahren auflauern, war die Analogie zum citta – einem Ort voller Schmerz und Leidhaftigkeit. Das citta muss auf die Ebene emporgehoben werden, wo es diese unermesslich weite und offene Ebene erreicht – eine Sphäre der letztendlichen Glückseligkeit – eine Freiheit von aller Furcht und allen Sorgen.
Dieser majestätische weiße Hengst symbolisierte den Weg der Praxis. Er ritt das Pferd als ein Transportmittel zu dem Reich der vollendeten Zufriedenheit, wo er diese wunderschöne Tipiåika-Vitrine mit ihrer erlesenen Gestaltung vorfand. Er war nur mit der Gabe verse-hen, sie zu bewundern, ohne sie öffnen zu dürfen. Die von ihm entwickelten Verdienste reichten nicht dafür aus, die Vitrine zu öffnen und die in ihr enthaltene Büchersammlung ganz nach Herzenslust zu bewundern – ein Meisterstück, das nur demjenigen gelingt, der catu paåisambhidãñãõa13 entwickelt hat. Ein mit diesem vierfachen Wissen ausgestattetes Wesen, ist berühmt in all den drei Weltsystemen für seine brillante Weisheit und seine umfassende Kenntnis von Lehrmethoden, so umfassend wie die Meere und der Himmel. Solch ein Wesen gerät niemals in Verlegenheit, wenn es devas14 oder Menschen unterweist.
Da es dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann an diesen höheren Ebenen der spirituellen Perfektion fehlte, war es ihm nicht vergönnt, die Vitrine zu öffnen, und er musste sich mit ihrer Bewunderung zufrieden geben. Das hieß, dass er nur die Ebenen des paåisambhidãnusãsana15 verwirklichen würde, was wiederum bedeutete, dass er genug Weisheit und erläuternde Geschicklichkeit besaß, um anderen den grundlegenden Weg der buddhistischen Praxis zu erklären, aber eben
12 Citta: das Wesen des Geistes. 13 catu paåisambhidãñãõa: 14 deva(s): himmlische Wesen. 15 paåisambhidãnusãsana:
nicht in seiner vollen Tiefe und Breite. Obwohl er immer demütig erklärte, dass seine Lehre gerade mal genügte, den Weg zu zeigen, waren diejenigen, die seine Art der Praxis erlebten und seinem tiefgreifenden Dhamma lauschten, das er sein ganzes Leben hindurch darlegte, davon so tief beeindruckt, dass es keine Worte gibt, dies zu beschreiben. Es wäre sicherlich schwierig, heutzutage irgendetwas Vergleichbares zu erleben oder zu hören – gerade heute, wo wir eine so noble Person so dringend benötigen würden.
Das Zeichen
An einem Punkt während seines Meditationstrainings im Kloster von Wat Liap zog sich das citta des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann in ein Stadium der Ruhe zusammen und im selben Moment hatte er auch eine Vision. Dieses geistige Bild (uggaha nimitta) war das eines vor ihm ausgebreiteten Leichnams: Aufgeschwollen, herausquellender Eiter und heraussickernde Körperflüssigkeiten – Geier und Hunde stritten sich um den Leichnam, wobei sie so lange das verrottende Fleisch aufrissen und herumschleuderten, bis alles, was übrig blieb, verstreut herumlag. Die ganze Szene war so unvorstellbar ekelerregend, dass er entsetzt war.
Von diesem Zeitpunkt an benutze er dieses Bild ständig als ein geistiges Objekt für die Kontemplation – sei es nun in der Sitzmeditation oder Gehmeditation oder auch, während er mit anderen alltäglichen Dingen beschäftigt war. Er hielt dies beständig aufrecht, bis eines Tages dieser Leichnam sich in eine durchsichtige, vor ihm schwebende Scheibe verwandelte. Je mehr er seine Achtsamkeit intensiv auf diese Scheibe richtete, desto mehr verwandelte sich auch ihre Erscheinung. Je mehr er versuchte ihr zu folgen, desto mehr verwandelte die Scheibe auch ihre Form, in einem solchen Ausmaß, bis es ihm unmöglich war zu sagen, wann diese Bilderreihe aufhören würde. Je mehr er die-se Bilder untersuchte, desto mehr veränderten sie ihren Charakter, ohne je enden zu wollen. Zum Beispiel wurde diese Scheibe zu einem ho-hen Gebirgszug, wo sich der Ehrwürdige Lehrmeister Mann wiederfand, wie er auf diesem entlanglief, Schuhe trug und drohend ein Schwert schwang. Es erschien eine massive Mauer mit einem Tor. Als er es öffnete, um hineinzuschauen, entdeckte er ein Kloster, wo mehrere Mönche in Meditation saßen. Nahe der Mauer entdeckte er eine steile Felsenklippe mit einer Höhle, in der ein Einsiedler hauste. Er bemerkte ein Transportmittel, geformt wie eine Wiege, das an der Seite des Felsens an einem Seil herabhing. In diese Wiege stieg er hinein und wurde zum Gipfel des Berges hinaufgezogen. Auf dem Gipfel entdeckte er inmitten eines großen Haufens chinesischen Trödels einen rechteckigen Tisch. Auch eine Lampe hing da und warf einen leuchtenden Schein über das ganze Gebirge. Er fand sich selbst, wie er ein Mahl auf diesem Gipfel zu sich nahm… und so weiter und so fort – solange bis es unmöglich war, ein Ende des Ganzen abzusehen. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erzählte, diese Bilder seien derart zahlreich gewesen, dass er sich unmöglich an alle erinnern konnte.
Drei volle Monate lang meditierte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann auf diese Weise. Jedes Mal, wenn er ins samãdhi16 eintauchte, zog er sich daraus zurück, um seine Untersuchung dieser transparenten Scheibe weiter fortzuführen, die ihm nur eine anscheinend endlose Serie von Bildern bescherte. Jedoch brachte es ihm nicht genügend nützliche Ergebnisse, um ihn zu überzeugen, dass diese Methode korrekt sei. Denn nach dieser Art von Praxis war er übersensibel für nor-male Anblicke und Geräusche in seiner Umgebung. Angetan von diesen Dingen, enttäuscht von jenen, liebte er einige und verachtete andere. Niemals gelang es ihm, ein beständiges Gleichgewicht zu erlangen.
Aufgrund dieser Sensibilität fing er an zu glauben, dass diese Art von samãdhi, die er praktizierte, ganz eindeutig der falsche Weg sei. Wäre es wirklich der richtige, warum gelang es ihm dann nicht, beständigen Frieden und Ruhe in seiner Praxis zu erlangen? Ganz im Gegenteil, sein Geist fühlte sich von den vielen Sinnesobjekten, mit denen er in Berührung kam, abgelenkt und unruhig an – gleich einer Person, die sich niemals einer Meditationspraxis unterworfen hat. Vielleicht verletzt diese Art von Praxis – nämlich seine Aufmerksamkeit nach außen auf äußere Erscheinungen zu richten, grundlegende Prinzipien der Meditation. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum es ihm nicht gelang, die verheißenen Ergebnisse von innerem Frieden und Glückseligkeit zu erreichen.
16 Samãdhi: verschiedene Stufen der Konzentration
So kam der Ehrwürdige Lehrmeister Mann bezüglich seiner selbst zu einem neuen Verständnis. Statt seinen Geist auf äußere Dinge zu richten, brachte er sein citta zurück nach innen – in die Grenzen seines eigenen physischen Körpers. Von dieser Zeit an konzentrierten sich seine Untersuchungen ausschließlich auf seinen eigenen Körper.
Mit geschärfter Achtsamkeit untersuchte er den Körper – von Kopf bis Fuß, von rechts nach links, von innen nach außen, nichts auslassend
– jeden Teil und jeden Aspekt des Körpers. Anfangs zog er es vor, die-se Art von Untersuchung während seiner Gehmeditation auszuführen, indem er tief in Gedanken versunken auf und ab lief. Zu gewissen Zeiten musste er seinen Körper von diesen Anstrengungen ausruhen lassen, also saß er eine Weile in samãdhi, wobei er unter keinen Umständen zuließ, dass sein citta sich in sein übliches Stadium der Ruhe zusammenzog. Vielmehr zwang er es, im Bereich des Körpers zu verweilen. Das citta hatte keine andere Wahl, als durch die zahlreichen Teile des Körpers zu wandern und sie zu sondieren. Wenn es an der Zeit war, sich zur Ruhe zu begeben, fiel er, während sich die Untersuchung in seinem Kopfe fortsetzte, in den Schlaf.
So meditierte er mehrere Tage, bis er fühlte, er könne mit dieser neu gefundenen Methode in samãdhi sitzen, um zu versuchen, einen Zustand der Ruhe zu erreichen. Es reizte ihn herauszufinden, welches Stadium der Ruhe er damit erreichen könnte. Sein citta, mehrereTage lang der Ruhe entzogen und dem intensiven Training der Körperkontemplation ausgesetzt, zog sich ganz schnell mit einer beispiellosen Leichtigkeit in ein Stadium der Ruhe zusammen. Ihm war eindeutig klar, dass er ganz definitiv die richtige Methode gefunden hatte, weil, als das citta sich dieses Mal zusammenzog, sein Körper von ihm selbst abgetrennt erschien. In diesem Moment schien es sich in zwei Dinge zu teilen. Achtsamkeit war ständig da, bis zu dem Zeitpunkt, als das citta in samãdhi fiel. Es wanderte und wankte nicht herum, so wie es dies früher getan hatte. Deshalb war er auch überzeugt, dass seine neu gefundene Methode für die Vorarbeit in der Meditationspraxis die richtige sei.
Seitdem praktizierte er die Körperbetrachtung gewissenhaft weiter, bis er eines Tages den Punkt erreichte, an dem er, wann immer er es sich wünschte, Ruhe erlangen konnte. Aufgrund seines Durchhaltevermögens wurde er immer geschickter in dieser Methode, bis sein citta eine feste Basis, gut auf samãdhi gegründet, entwickelte. Er hatte drei ganze Monate vergeudet, indem er dieser Scheibe mit ihren Illusionen nachjagte. Aber nun verließ ihn seine Achtsamkeit nicht mehr und deshalb wurde er auch nicht mehr von den ihn umgebenden äußeren Einflüssen nachteilig berührt. Diese ganze Episode zeigt sehr klar die Nachteile, die einem entstehen, wenn einem die Führung durch einen weisen Lehrer nicht zur Verfügung steht. Fehlurteile entstehen, wenn es keinen rechtzeitigen Hinweis und keine Anleitung in der Meditation gibt. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann war ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Keinen Lehrer zu haben, kann einen Meditierenden zu schwerwiegenden Fehlern führen, die ihm allzu leicht schaden können. Im günstigsten Falle wird die betreffende Person lediglich in ihrem Fortschritt gehemmt.
In den frühen Jahren des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann zeigten die Menschen wenig Interesse an der Praxis der kammaååhãna-Meditation17 . Viele betrachteten sie als etwas Sonderbares, sogar dem Buddhismus Fremdes und dachten, sie hätte keinen legitimen Platz im Leben eines Mönches. Zu jener Zeit genügte es schon, dass die Landbevölkerung einen dhutanga-Mönch in der Ferne, auf der anderen Seite des Feldes, wandern sah, um in hellen Aufruhr zu geraten. Voller Angst eilten dann diejenigen, die sich nahe genug beim Dorf, aufhielten, schnell in ihre Häuser, während diejenigen, die sich in der Nähe des Waldes befanden, vor lauter Angst nicht wagten, die Mönche zu begrüßen, und statt dessen in das dichte Gebüsch rannten, um sich zu verstecken. Aus diesem Grund hatten dhutanga-Mönche auf ihrer Wanderschaft in unbekannten Gegenden nur selten die Möglichkeit, die Bewohner nach dringend benötigten Wegrichtungen zu fragen.
Frauen aus der Landbevölkerung nahmen häufig ihre kleinen Kinder auf Streifzüge in die umgebenden Hügel mit, um wilde Kräuter und essbare Pflanzen zu sammeln oder um in den entlegenen Teichen zu fischen. Wenn sie dabei plötzlich einer Gruppe von dhutanga-Mönchen begegneten, schrien sie aufgeregt: Dhamma-Mönche, Dhamma-Mönche kommen! Sofort warfen sie dann ihre Körbe und sonstige Ausrüstung auf den Boden und stürmten los, um ein sicheres Versteck zu finden. Es war ihnen einerlei, ob ihre zurückgelassene Ausrüstung beim Aufschlagen auf den Boden beschädigt worden war. Sie flohen
17 Kammaååhãna: wörtlich die Basis der spirituellen Praxis
nur alle in den nahe gelegenen Wald oder, falls sie in der Nähe des Dorfes waren, zurück in ihre Häuser.
Inzwischen fingen die Kinder, die keine Ahnung hatten, warum ihre Mütter schreiend davongerannt waren, an zu weinen und um Hilfe zu rufen. Da sie mit den Erwachsenen nicht mithalten konnten, rannten die Kleinen verwirrt umher. Allein gelassen, liefen sie auf offenem Feld hin und her, während ihre Mütter nicht wagten, aus dem Wald zu kommen, um sie zu retten. Es war ein komisches aber auch mitleiderregendes Schauspiel unnötiger Panik, unschuldige Kinder so verschreckt nach ihren Müttern schreiend im Kreis herumrennen zu sehen.
Die Lage sah eindeutig nicht gut aus. Deshalb beeilten sich auch die dhutanga-Mönche wegzukommen, damit ihre Anwesenheit nicht noch mehr Hysterie auslöse. Hätten sie irgendwelche Anstalten gemacht, sich den Kindern zu nähern, wäre ein solcher Vorfall leicht vollkommen außer Kontrolle geraten – hier verängstigte Kinder, die wild außer sich in alle Richtungen davonstieben, wobei ihre schrillen Schreie durch den Wald hallen, dort ihre Mütter, die voller Angst vor diesen Dhamma-Mönchen zitternd hinter den Bäumen kauern. Dennoch hatten sie Angst, dass ihre Kinder in alle Richtungen fliehen würden, und beobachteten sie ganz aufgeregt, bis die Mönche außer Sichtweite waren.
Wenn die Mönche schließlich verschwunden waren, brach ein großer Tumult los: Mütter und Kinder liefen aufgeregt umher, um einander wieder zu finden. Bis die ganze Gruppe wieder sicher zusammen war, schien es, als ob das gesamte Dorf für eine Weile verstreut war. Die Wiedervereinigung wurde von ausgiebigem Geschnatter begleitet, wobei alle über das plötzliche Erscheinen der Dhamma-Mönche und das darauffolgende Chaos lachten.
Solche Begebenheiten waren in jenen Jahren an der Tagesordnung. Frauen und Kinder hatten große Angst, da sie noch niemals zuvor dhutanga-kammaååhãna-Mönche gesehen hatten. Normalerweise wussten die Menschen nichts über sie und zeigten auch wenig Interesse, außer dass sie bei deren Anblick die Flucht ergriffen. Es gibt mehrere mögliche Gründe dafür. Erstens war ihre Erscheinung asketisch und zurückhaltend. Es war unwahrscheinlich, dass sie jemandem gegenüber vertraulich waren, es sei denn, sie kannten ihn seit langem und der Betreffende kannte ihre Umgangsformen. Dann waren ihr Roben und anderen Bedarfsgegenstände in ockergelb gefärbt, für das sie das Hartholz des Jackfruit18 Baumes benutzten – eine ins Auge stechende Farbe, die mehr Angst einjagte als Verehrung erzeugte.
Diese ockerfarbenen Roben wurden von dhutanga-Mönchen getragen, die, in der Absicht, ein asketisches Leben zu führen, von Ort zu Ort wanderten. Sie hatten ihre Regenschirm-Zelte (klods), die um einiges größer als normale Regenschirme waren, zusammengeklappt um eine Schulter gehängt. Um die andere Schulter trugen sie ihre Almosenschale. Wie sie so in Reih und Glied gingen, eingehüllt in ihre gelbbraunen Roben, bildeten sie einen Blickfang für diejenigen, die noch nicht mit ihrer Art von Praxis vertraut waren. Fanden dhutanga-Mönche einen ruhigen Platz, der für die Meditation geeignet war, ließen sie sich in von dörflichen Gemeinden abseits gelegenen Wäldern nieder. Damit gaben sie den Einheimischen die Gelegenheit, sie besser kennen zu lernen. Diese profitierten davon, deren Lehrreden zu lauschen, sie zu befragten und ihre Ratschläge zu empfangen. Langsam, über die Jahre, als ihre Herzen anfingen, die vernünftigen Erklärungen, die sie hörten, zu akzeptieren, entwickelte sich bei ihnen ganz natürlich ein Vertrauen. Während der Glaube an Dhamma in ihre Herzen floss, verdorrte ihr alter Aberglaube und an seine Stelle trat Verehrung für die Mönche, deren Lehrreden einen tiefen Eindruck hinterließen. Dann erfüllte diejenigen, die mit ihrem friedvollen Charakter und ihrem untadeligen Benehmen wohl vertraut waren, schon bei ihrem bloßen Anblick, wie sie durch die Gegend wanderten, Verehrung. Während dieser frühen Zeit gab es solche erleuchtenden Erlebnisse bei der Landbevölkerung in ganz Thailand.
Dhutanga-Mönche, die um des Dhamma willen entschlossen waren, korrekt zu praktizieren, zogen weit herum und waren immer in der Lage, Menschen zu beeindrucken und ihnen eine große Hilfe zu sein. Sie brauchten nicht die Öffentlichkeit, um ihre Lehre zu verbreiten. Stattdessen verließen sie sich auf ihr ausgezeichnetes Benehmen19 als natürliches Mittel, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
18 Wörtlich Taschenfrucht. Eine große Schalenfrucht, die im inneren aus vielen kleinen, gelben wie Taschen aussehenden Früchten mit großen Steinen besteht. Das Hartholz diese Baumes wurde auch zur Zeit des Buddhas dazu benutzt um die Roben der Mönche zu färben.
19 Sãmicïkamma
Ein dhutanga-Mönch betrachtet es als einen unverzichtbaren Teil seiner persönlichen Praxis, dass sein Geist, auf Dhamma konzentriert, nach Abgeschiedenheit sucht. Abgelegene Orte bieten Geist und Körper eine ruhige und stille Umgebung. Das galt jedenfalls für den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann. Jedes Jahr, am Ende der Regenzeit, begann er seine Wanderschaft. Er zog durch Wälder und Berge an Stellen, wo er kleine Siedlungen fand, die ihn gerade ausreichend bei seinem täglichen Almosengang unterstützen konnten. Lieber als in jedem anderen Teil des Landes wanderte er in der nordöstlichen Region Thai-lands. Zu seinen Lieblingsgebieten zählten die ausgedehnten Wälder und Bergketten in den Provinzen von Nakhon Phanom, Sakon Nakhon, Udon Thani, Nong Khai, Loei und Lom Sak oder auf der anderen Seite des Mekong Flusses in Laos, Orte wie Tha Khek, Vientiane und Luang Prabang. Solche Orte mit ihren riesigen Waldgebieten und bergigem Gelände waren ideal, um ein asketisches Leben zu führen.
Wo und zu welcher Tageszeit auch immer er sich befand, das Hauptanliegen des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann blieb stets dasselbe, nämlich unermüdlich daran zu arbeiten, seine Meditation zu verbessern. Er wusste, dass dies die wichtigste Aufgabe seines Lebens sei. Seiner Natur nach mochte er sich nicht auf klösterliche Bauprojekte einlassen. Er zog es vor, sich ausschließlich auf die innere Arbeit der Entwicklung seiner Meditation zu konzentrieren. So vermied er den sozialen Kontakt zu anderen Mönchen und hielt sich von der Zivilbevölkerung fern. Er zog es vor, allein zu leben, ein Lebensstil, der ihm die Freiheit gab, all seine Achtsamkeit und Energie auf diese eine Hauptaufgabe zu richten, nämlich dukkha20 zu transzendieren. Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit kennzeichneten alles, was er tat, und wie er sich selbst niemals täuschte, wies er auch anderen niemals den falschen Weg.
Die unglaubliche Energie, Ausdauer und Umsicht, die er in seine Praxis einfließen ließ, war in der Tat erstaunlich. Solche Eigenschaften halfen ihm, dafür zu sorgen, dass samãdhi und Weisheit sich kontinuierlich entwickeln konnten und niemals Anzeichen von Verschlechterung erkennen ließen. Seit dem Tage, an dem er entdeckte, dass Körperbetrachtung die richtige Methode für die Vorarbeit in der Meditation sei, hielt er sich immer an diese Kontemplation. Während er
20 dukkha: jegliche Art und Form von Unruhe, Rastlosigkeit und Unzufriedenheit bis hin zum grössten Leiden.
beharrlich diese Methode aufrechterhielt, immer und immer wieder seinen Körper untersuchte, wurde er unheimlich geschickt darin, im Geiste seine verschiedenen Körperteile, groß oder klein, zu zerlegen und sie dann mit Hilfe von Weisheit auseinander zu brechen. Schließlich war er imstande, seinen ganzen Körper willentlich zu zerlegen und dann alles auf seine Bestandteile zurückzuführen.
Aufgrund seiner Beharrlichkeit war es dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann möglich, zunehmend Ruhe und friedvolle Geisteszustände zu erreichen. Er wanderte durch Wälder und über Berge und verweilte an Orten, die geeignet waren, seine Praxis zu intensivieren, aber niemals ließ er nach in den beharrlichen Anstrengungen, die er in alle seine Aktivitäten legte. Der Almosengang, das Kehren der Wege, das Waschen seines Spucknapfes, das Nähen oder das Färben seiner Robe, das Essen seines Mahls, oder auch nur ganz einfach das Ausstrecken seiner Beine – in jedem Moment war er sich bewusst, dass er sich in ausnahmslos allen seinen Handlungen anstrengte, perfekt zu werden. Nur wenn die Zeit zum Schlafen kam, ließ er darin nach, aber selbst dann nahm er sich vor, sofort nach dem Aufwachen ohne Zögern aufzustehen. Er achtete darauf, dass diese Angewohnheit zu einem Teil seines Charakters wurde. Sowie er sich bewusst wurde, dass er aufwachte, erhob er sich zügig, wusch sich das Gesicht und führte seine Meditation fort. Fühlte er sich noch immer schläfrig, verweigerte er sich die Sitzmeditation aus Angst, er könnte dabei einnicken. Stattdessen praktizierte er Gehmeditation, auf- und abschreitend, um seine Müdigkeit zu vertreiben, die ihn beim geringsten Nachlassen seiner Wachsamkeit zu überkommen drohte. Sollte sich eine langsame Gehmeditation als unwirksam erweisen, versuchte er, sich dadurch zu beleben, dass er seinen Gang beschleunigte. Erst wenn alle Schläfrigkeit überwunden war und er müde vom Gehen wurde, verließ er den Meditationspfad und setzte sich hin, um seine Meditation bis zum Morgengrauen fortzusetzen.
Kurz nach Sonnenaufgang bereitete er sich auf den Almosengang vor. Er trug seine untere Robe, legte dann seine innere und äußere Robe zusammen und wickelte sie um sich. Seine Almosenschale hing an einem Riemen über einer Schulter. So ging er zur nächsten Ortschaft. Dabei übte er sich in Sinnesenthaltung und war sorgfältig bemüht, seine Achtsamkeit während des ganzen Weges aufrechtzuerhalten. Seinen Gang zu der Ortschaft und zurück betrachtete er als eine Form der Gehmeditation, wobei er seine Aufmerksamkeit bei jedem Schritt nach innen richtete, um sicherzustellen, dass sein Geist nicht nach außen abschweifte und sich nicht in irgendwelche Emotionen, die Objekte entlang des Weges in ihm erweckten, verstrickte. Wenn er zu seinem Platz oder dem Kloster, in dem er lebte, zurückkehrte, richtete er das empfangene Essen in seiner Schale her. Seinem Prinzip folgend, aß er nur das Essen, das er auf dem Almosengang empfangen hatte, und verweigerte jegliche Art von Nahrung, die ihm danach gereicht wurde. Nur sehr viel später, im Alter, lockerte er diese Praxis ein wenig und begann Nahrung zu akzeptieren, die ihm seine treuen Anhänger ins Kloster brachten. Während seiner Anfangszeit aß er konsequent nur das Essen, das er in seiner Almosenschale empfangen hatte.
Mit allem, was er essen wollte in seiner Schale, saß er da und kontemplierte21 den wahren Zweck der Nahrung, die er zu sich nehmen würde, als ein Mittel, um die inneren Höllenfeuer, anders gesagt, jegliche Begierde nach Essen, die aufgrund seines Hungers entstehen könnte, auszulöschen. Sonst ist es möglich, dass der Geist sich der Macht der Begierde unterwirft und dem guten Geschmack des Essens frönt, statt, wie er es sollte, über die grundlegenden Eigenschaften des Essens nachzudenken – wie alles Essen aus groben Elementen zusammengesetzt und seiner Natur nach widerlich22 ist. Während dieser Gedanke fest in seinem Geist verankert war, kaute er sein Essen achtsam bis zum Schluss seines Mahles, um jedes Eindringen von Begierde zu verhindern. Danach wusch er seine Schale, trocknete sie und setzte sie für einige Minuten dem direkten Sonnenlicht aus. Dann packte er sie in ihren Tuchüberzug und stellte sie ordentlich an ihren Platz.
Es muss jedoch verstanden werden, dass die Vernichtung der kilesas ein unbeschreiblich schwieriges Unterfangen ist. Obwohl wir fest dazu entschlossen sind, die kilesas zu Asche zu verbrennen, passiert es unweigerlich, dass diese den Spieß herumdrehen und uns verbrennen, indem sie uns solche Qualen bereiten und uns dazu veranlassen, die guten Eigenschaften, die wir entwickeln wollten, schnell wieder fallen
21 Paccavekkhaõa – paåisankhã yoniso … Ein Mönch wird dazu angehalten weise und sparsam mit seinen Dingen umzugehen. Beim Essen beinhaltet diese Kontemplation, dass das Essen nur zum Erhalt des Körpers dient und nicht um fülliger zu werden nicht zur Verschönerung des Körpers dient. Es dient nicht der Lust am Essen noch soll man damit spielen. Es dient dazu um Gefühle des Hungers zu überkommen und keine neuen der Übersättigung zu erzeugen.
22 Paåikkýla
zu lassen. Wir erkennen ganz deutlich den negativen Einfluss der kilesas und wollen sie loswerden, jedoch untergraben wir unseren edlen Zweck dadurch, dass wir es nicht schaffen, entschlossen gegen sie anzugehen, da wir fürchten, die Schwierigkeiten solchen Herangehens würden sich als zu schmerzhaft erweisen. Unbeanstandet werden die kilesas die Herrscher unserer Herzen, drängen sich herein und beanspruchen unsere Herzen als ihren ausschließlichen Herrschaftsbereich. Leider besitzen nur wenige Menschen in der Welt das Wissen und das Verständnis, um gegen diese Verunreinigungen (kilesas) anzugehen. Aus diesem Grunde ordnen sich Lebewesen in allen drei Existenzwelten für immer ihrer Herrschaft unter. Nur der Erhabene Buddha entdeckte den Weg, um sein Herz vollkommen von ihnen zu reinigen – niemals wieder haben sie ihn danach besiegt.
Aufgrund der Verwirklichung eines solch umfassenden Sieges richtete der Erhabene Buddha seine Aufmerksamkeit darauf, den Weg zu lehren, und offenbarte dieses wertvolle Dhamma seinen Anhängern. Damit inspirierte er sie, demselben edlen Weg, den auch er gegangen war, entschlossen zu folgen. Indem sie so praktizierten, waren sie dazu in der Lage, ihm in seiner Höchsten Verwirklichung nachzueifern und das Ende des edlen Weges, die Höchste Verwirklichung – Nibbãna – zu erreichen. Dadurch, dass sie den allmächtigen kilesas einen vernichtenden Schlag zufügten, entfernten diese Edlen Individuen sie vollkommen und für immer aus ihren Herzen. Als ihre kilesas vernichtet waren, wurden sie zu Arahant-Jüngern, die die Menschen der ganzen Welt seitdem mit einer solchen Hingabe verehren.
Auch der Ehrwürdige Lehrmeister Mann war einer dieser Edlen Individuen, die in die Fußstapfen des Erhabenen Buddha traten. Er besaß wirklich unerschütterliches Vertrauen und kompromisslose Entschlusskraft und redete nicht nur darüber. Wenn er das Morgenmahl beendet hatte, ging er sofort in den Wald, in jene friedvolle Umgebung, die dem inneren Frieden und dem Glück so förderlich ist, um seine Gehmeditation aufzunehmen. Er strebte in seiner Meditation zuerst gehend, danach sitzend, bis er fühlte, dass die Zeit für eine kurze Pause gekommen war. Gestärkt davon nahm er seinen Angriff auf die kilesas
– Schöpfer dieses endlosen Zyklus von Existenzen – wieder auf. Da er mit solch stetiger Entschlossenheit seine Aufgabe verrichtete, hatten die kilesas keine Chance, seine Anstrengungen zu verhöhnen. Außer, dass er intensiv samãdhi praktizierte, arbeitete er ebenso unermüdlich daran, Einsicht zu gewinnen, indem sich seine Weisheit ständig um jedes von ihm untersuchte Objekt drehte. So wurden samãdhi und vipassanã gleichzeitig entwickelt, wobei keine von beiden der anderen hinterherhinkte, und sein Herz blieb friedvoll und zufrieden in seiner Praxis.
Da er niemanden hatte, der ihm Rat geben konnte, wenn er stekken blieb, kam es unvermeidlich zu Zeiten langsamen Fortschritts. Häufig verbrachte er mehrere Tage damit, sich durch ein bestimmtes Problem hindurchzuarbeiten, um mühselig die Lösung für sich selbst herauszufinden. Er wurde dazu gezwungen, diese Stolpersteine in seiner Praxis erschöpfend zu analysieren und jede Fassette sorgfältig zu untersuchen, denn diese waren nicht nur ein Hindernis für seinen Fortschritt, sondern möglicherweise auch gefährlich. In solchen Situationen kann der Rat eines guten Lehrers von unschätzbarem Wert für den Meditierenden sein, um sicher und schnell und ohne Zeitverlust voranzukommen. Aus diesem Grunde ist es sehr wichtig, dass Meditierende einen kalyãõamitta23 besitzen. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erfuhr persönlich, welche Nachteile damit verbunden sind, keinen solchen weisen Freund zu haben, und er betonte ausdrücklich, dass dies ganz bestimmt ein Nachteil sei.
Der Ehrwurdige Lehrmeister Sao Kantsilo
In den ersten Jahren seiner Praxis wanderte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann oft in der Begleitung des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao. Dies gab ihm Trost in der Überzeugung, dass er einen guten und erfahrenen Lehrer habe, der ihn unterstützen könne. Wenn er jedoch seinen Lehrer wegen gewisser Probleme, die in seiner Meditation auftraten, um Rat fragte, war die Antwort des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao unverändert: “Meine Erfahrungen in der Meditation sind sehr verschieden von den deinen. Dein citta ist so abenteuerlustig und tendiert immer zu den Extremen. In einem Moment steigt es hoch in den Himmel, nur, um im nächsten Augenblick tief in die Erde einzutauchen. Nachdem du dann auf den Grund des Ozeans getaucht bist,
23 Kalyãõamitta: ein edler Freund, der einem auf dem Weg der Praxis hilft und unterstützt
steigst du wieder hoch hinauf in den Himmel, um dort Gehmeditation auszuüben. Wer kann denn mit deinem citta lange genug Schritt halten, um eine Lösung zu finden? Ich rate dir, selbst die Sache zu untersuchen und deine eigene Lösung zu finden.” Der Ehrwürdige Lehrmeister Sao gab ihm niemals hinreichend konkrete Ratschläge, um ihm wirklich zu helfen. Also war er gezwungen, selbst die Probleme zu lösen. Einige Male war er nahe daran umzukommen, bevor er einen Weg fin-den konnte, um einige der hartnäckigeren Probleme, denen er ausgesetzt war, zu überwinden.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann beschrieb seinen Lehrer als einen Menschen von heiterem und ruhigem Wesen, der einen zu tiefer Verehrung inspirierte. Eine etwas ungewöhnliche Eigenschaft der Praxis des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao war, dass er, wenn er in samãdhi war, die Tendenz hatte zu schweben – sein Körper hob sich deutlich vom Boden ab. Zuerst zweifelte er daran, dass sein Körper wirklich schwebte, und öffnete die Augen, um sich selbst zu beobachten. Jedoch in dem Moment, wo er die Augen öffnete, rissen Sorgen um seinen Körperzustand sein citta aus dem samãdhi heraus. Er fiel mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden und landete hart auf seinem Gesäß, das mehrere Tage danach wund und voller blauer Flecken war, denn tatsächlich hatte sein Körper ungefähr einen Meter über dem Boden geschwebt. Aber indem er die Augen öffnete, um dies zu überprüfen, verlor er die notwendige Achtsamkeit, um sein citta im samãdhi halten zu können. Sein plötzliches Heraustreten aus dem samãdhi ließ ihn auf den Boden krachen, wie eben jeder beliebige Gegenstand, der aus einer gewissen Höhe losgelassen wird. Später praktizierte er wieder samãdhi und wenn er fühlte, dass er zu schweben begann, hielt er seine Achtsamkeit fest auf diesen Zustand von samãdhi gerichtet und öffnete vorsichtig die Augen, um sich selbst zu beobachten. Dann war ihm klar, dass er wirklich über dem Boden schwebte, jedoch jetzt krachte er nicht auf den Boden, da genug Achtsamkeit da war, um seine Konzentration aufrechtzuerhalten.
Diese Erfahrung erteilte dem Ehrwürdigen Lehrmeister Sao eine wertvolle Lektion über sich selbst. Er war jedoch ein außergewöhnlich umsichtiger und gewissenhafter Mensch. Daher war er noch nicht vollkommen davon überzeugt. Deshalb nahm er einen kleinen Gegenstand, befestigte ihn unter dem Strohdach seiner Hütte und begann zu meditieren. Als er fühlte, dass sein Körper wieder zu schweben begann, hielt er sein citta fest im samãdhi konzentriert, sodass er in der Lage war, hochzuschweben und den kleinen Gegenstand, der im Strohdach befestigt war, zu erreichen. Als er auf dieselbe Höhe gelangt war, streckte er langsam die Hand danach aus und nahm ihn sehr achtsam zu sich, sodass er ihn mit Hilfe von samãdhi wieder hinunterbringen konnte. Das bedeutet, sobald er fest in seiner Hand war, zog er sich Schritt für Schritt aus dem samãdhi heraus bis hin zu dem Punkt, an dem er langsam und sicher zum Boden gleiten konnte – dies ist ein Punkt im samãdhi kurz vor dem kompletten Rückzug daraus. Während er so experimentierte, überzeugte er sich davon, dass er wirklich in der Lage war zu schweben. Dies jedoch passierte nicht jedes Mal, wenn er sich ins samãdhi begab.
Vom Anfang seiner Praxis bis zum Ende seines Lebens hatte das citta des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao die Neigung, diese ruhige und unerschütterliche Qualität zu besitzen – in krassem Gegensatz zu der vollkommen abenteuerlustigen Natur des cittas des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann. Anders als er war Lehrmeister Sao weder motiviert, Abenteuer zu suchen und somit gefährlich zu leben, noch tendierte er dazu, diese Vielzahl von ungewöhnlichen Phänomenen wahrzunehmen, die beim Lehrmeister Mann unweigerlich auftraten.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erzählte uns, dass sich der Ehrwürdige Lehrmeister Sao vor vielen vergangenen Leben dazu entschlossen hatte, ein pacceka-Buddha24 zu werden. Als er seine Anstrengungen in der Meditation verstärkte, brachte dies ihn dazu, sich an diesen langen zurückliegenden Entschluss zu erinnern. Seine latente Anhaftung an die Aussicht, ein pacceka-Buddha zu werden, ließ ihn zögern, sich anzustrengen, Nibbãna in diesem Leben zu verwirklichen. Darum entschloss er sich auch sofort, dieses alte Gelübde aufzugeben und fasste stattdessen den Vorsatz, Nibbãna so schnell wie möglich zu erreichen. Er war fest entschlossen, diese Verwirklichung noch in diesem Leben zu verwirklichen, um nur nicht wieder das Elend ertragen zu müssen, in der Zukunft wieder geboren zu werden.
Da er sein ursprüngliches Gelübde aufgegeben hatte und somit nicht mehr durch vergangene Verpflichtungen behindert war, entwickelte
24 Pacceka-buddha: dies ist ein Mensch, der ohne Hilfe der Lehre, wie auch ein Buddha, die vollkommene Erleuchtung aus sich selbst heraus verwirklicht, nur im Gegensatz zu einem Buddha nicht die Fähigkeit hat den Weg, der zu dieser Erleuchtung führt anderen Wesen beizubringen.
sich seine Meditationspraxis reibungslos, bis er schließlich eines Tages das Land der endgültigen Glückseligkeit erreichte, auf das er es abgesehen hatte. Obwohl er imstande war, sich selbst vollkommen zu erleuchten, war seine Lehrfähigkeit doch sehr begrenzt, und zwar wahrscheinlich aufgrund seiner natürlichen Neigung, ein pacceka-Buddha zu werden – das ist jemand, der, obwohl er in der Lage ist, sich selbst zu erleuchten, keinen Hang dazu hat, andere zu lehren. Außerdem zeigt die Tatsache, dass es so einfach für ihn war, sein ursprüngliches Gelübde aufzugeben und dann das neue von ihm gesetzte Ziel zu erreichen, nur, dass es seinem vorherigen Gelübde an Reife gefehlt hatte, um unabänderlich zu werden.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erwähnte, dass er in vielen vorangegangenen Leben einen ähnlichen Entschluss gefaßt hatte – in seinem Fall war es der einmütige Entschluss, ein Buddha zu werden. Ebenso wie beim Lehrmeister Sao, als er seine Anstrengungen in der Meditation verstärkte, bewirkte dies bei ihm, sich an seine alte Absicht zu erinnern, und seine latente Anhänglichkeit daran ließ ihn zögern, sich um die Verwirklichung von Nibbãna in diesem Leben zu bemühen. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann gab sein Gelübde dann auf, als er anfing, dhutanga kammaååhãna zu praktizieren, da er einsah, dass dessen Erfüllung noch viel zu lange dauern würde. Äonen von Zyklen im saÿsãra wären noch notwendig gewesen und das heißt geboren, alt und krank zu werden und zu sterben – immer und immer wieder von neuem, und dabei endlos Elend und Schmerz zu erleiden..
Als er seinen ursprünglichen Beschluss aufgab, enthob es ihn dieser Sorgen und öffnete ihm den Weg zu einem reibungslosen Fortschritt in der Meditation. Die Tatsache, dass er sein ursprüngliches Gelübde so einfach aufgeben konnte, zeigt nur, dass dieses noch nicht fest genug in seinem Bewusstsein verankert war, als dass er sich nicht davon hätte loslösen können.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann begleitete den Ehrwürdigen Lehrmeister Sao häufig auf dessen dhutanga Wanderungen durch die Provinzen der Nordöstlichen Region. Aufgrund der Verschiedenheit ihrer Persönlichkeiten unterschieden sich zwar ihre Erfahrungen in der Meditation in einigen Punkten, aber jeder genoss die Gesellschaft des anderen. Seinem Wesen nach war der Ehrwürdige Lehrmeister Sao nicht sehr gesprächig. Auch war er nur ungern Lehrer und das besonders in Hinblick auf die Laien. Fühlte er sich jedoch manchmal gezwungen, den Laien Anweisungen zu erteilen, dann war er sehr sparsam mit Worten. Das wenige, was er sagte, kann ungefähr so zusammengefasst werden: “Ihr solltet das Böse aufgeben und euch das Gute aneignen. Derart vom Glück begünstigt, dass ihr als Menschen geboren wurdet, solltet ihr diese gute Gelegenheit nicht verschwenden. Unser Status als Mensch ist Edel, also vermeidet, euch wie Tiere zu verhalten, denn sonst werdet ihr bis unterhalb der Tierwelt absinken und euch nur noch erbärmlicher fühlen und seid ihr dann schließlich in der Hölle gelandet, so wird eure qualvolle Existenz dort nur noch um vieles quälender sein als die eines Tieres. Also tut nichts Böses.” Nach diesen Worten pflegte er sich von seinem Sitz zu erheben und kehrte, ohne noch von irgend jemandem weiter Notiz zu nehmen, zu seiner Hütte zurück.
Er redete nie sehr viel – an einem ganzen Tag mochte er vielleicht nur einige wenige Sätze sprechen. Auf der anderen Seite vermochte er viele Stunden mit Geh- und Sitzmeditation zuzubringen. Seine Erscheinung, die außergewöhnlich würdig und edel war, erzeugte Respekt und Ergebenheit. Nur ein flüchtiger Blick seines heiteren und friedvollen Gesichtsausdrucks hatte eine nachhaltige Wirkung. Er wurde von Mönchen wie Laien hoch verehrt und hatte, ebenso wie der Lehrmeister Mann, viele ihm ergebene Anhänger.
Es war wohl bekannt, dass diese zwei Lehrmeister füreinander unglaublich viel Liebe und Respekt hegten. In den Anfangsjahren zogen sie gern in der Begleitung des anderen umher. Sie lebten die meiste Zeit des Jahres zusammen, sowohl während als auch nach der jährlichen Regenzeit. Später verbrachten sie die Regenzeiten an verschiedenen Orten, jedoch nahe genug beieinander, um sich leicht besuchen zu können. Nur sehr selten verbrachten sie noch eine Regenzeit am selben Ort, da jeder eine stets wachsende Zahl von Anhängern hatte, was es erschwerte, genug Platz an einem Ort zu finden, um alle unterzubringen. Getrennt zu leben, entledigte sie der Bürde, Unterkünfte für so viele Mönche organisieren zu müssen.
Selbst wenn sie voneinander getrennt lebten, gedachten sie häufig einander mit wahrhaftigem Interesse. Bei Gelegenheiten, wenn Schüler des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann besuchten, stellte dieser als Erstes die Frage nach der Gesundheit und dem Wohlergehen des Lehrmeisters Sao, der wiederum dasselbe tat, indem er, falls Anhänger von diesem ihm einen Besuch abstatteten, sich nach dem Wohlergehen des Lehrmeisters Mann erkundigte. Mit Hilfe solcher Botschafter übermittelte ein jeder dem anderen seine ergebenen Grüße und so blieben sie bei jeder Gelegenheit in Kontakt. Jeder dieser beiden großen Lehrmeister hatte enormen Respekt für die spirituellen Verwirklichungen des anderen. Falls einer von ihnen vor seinen Schülern über den andern sprach, benutzen beide Worte voller Lob und Bewunderung. Ihre Bemerkungen enthielten nicht den geringsten Hauch von Kritik.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann stimmte mit dem Kommentar des Ehrwürdigen Lehrmeisters Sao über sein citta, dass es nämlich abenteuerlustig sei und dazu neige, in die Extreme zu gehen – in einem Moment hoch in den Himmel emporzustreben, im nächsten tief in die Erde hineinzurauschen, um dann bis auf den Meeresgrund abzutauchen – vollkommen überein. Sein citta hatte wirklich diese lebhaften Eigenschaften. In den Anfängen seiner Praxis, wenn er in samãdhi fiel, tendierte sein citta dazu, sich nach außen zu richten und somit alle möglichen ungewöhnlichen Phänomene wahrzunehmen – Dinge, von denen er sich niemals hätte träumen lassen, dass er sie sehen würde. Zum Beispiel sah er einen aufgeblähten Leichnam vor sich ausgebreitet liegen. Während er seine Aufmerksamkeit auf das Bild richtete, verwandelte sich dieses schnell in eine lichtdurchlässige Scheibe, die dann wiederum ihre Form änderte, wobei sie eine unendliche Anzahl von Bildern hervorbrachte, wie ich es bereits beschrieben habe.
Selbst nachdem er die korrekte Methode für seine Praxis entdeckt hatte, neigte sein citta, sobald es in die Ruhe eingetaucht war, dazu, sich nach außen zu wenden, um eine unendliche Anzahl von Phänomenen wahrzunehmen. Manchmal fühlte er, wie sein Körper hoch in den Himmel sauste, um sich dort viele Stunden lang die Himmlischen Paläste anzusehen, bevor er wieder zurück auf die Erde kam. Bei anderen Gelegenheiten grub er sich tief in die Erde ein, um die verschiedenen Bereiche der Hölle zu besuchen. Dort empfand er tiefes Mitgefühl mit den unseligen Wesen, die alle die bitteren Folgen ihrer vergangenen Taten zu tragen hatten. Wenn er solche sich ihm offenbarenden Begebenheiten betrachtete, verlor er oft das Gefühl für die Zeit. Damals war er sich noch nicht sicher, ob diese Szenen der Realität entsprachen oder nur seinen Vorstellungen entsprangen. Er erzählte, dass er erst später, als seine spirituellen Fähigkeiten eine größere Reife erlangt hatten, diese Dinge zu untersuchen und ihre genaue Bedeutung und die ihnen zugrunde liegenden psychologischen Ursachen zu verstehen vermochte. Wenn seine Konzentration beim Eintauchen des citta in die Ruhe nur geringfügig nachließ, entstand eine Öffnung, durch die seine Konzentration wiederum nach außen schlüpfen konnte, um solche Phänomene wahrzunehmen. Wenn sich seine Aufmerksamkeit nach außen richtete, konnte selbst seine neu errungene Fertigkeit nicht widerstehen und er rauschte in Windeseile von dannen.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erzählte uns, in der ersten Zeit sei aufgrund der Unerfahrenheit mit der lebhaften Natur seines eigenen Geistes, das citta, wenn er es darauf konzentrierte, die untere Hälfte seines Körpers zu untersuchen, statt den verschiedenen Teilen seines Körpers bis hinunter zu seinen Fußsohlen zu folgen, aus seinem unteren Rumpf herausgeschossen und tief in die Erde eingedrungen, ganz genau, wie der Lehrmeister Sao es so scharfsinnig bemerkt hatte. Kaum dass er schnell sein citta wieder zurück in den Körper geholt hatte, schoss es durch die Krone des Kopfes wieder heraus, erhob sich hoch in die Lüfte, wanderte dort zufrieden hin und her und zeigte kein Interesse, wieder zum Körper zurückzukehren. Mit unglaublich wachsamer Konzentration musste er sein citta zwingen, wieder zum Körper zurückzukehren, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, die er sich vorgenommen hatte.
Schon frühzeitig entwickelte sein Geist die Fähigkeit, so schnell in die Stille zu fallen – als wenn er von einem Felsvorsprung oder in einen Brunnen hinunterstürzte –, dass seine Achtsamkeit damit nicht Schritt halten konnte. Sein citta neigte dazu, nur kurz in der vollkommenen Stille zu ruhen, bevor es auf die Ebene der angrenzenden Sammlung (upacãra samãdhi) entwich. Dort pflegte es dann auszuschweifen und eine solche Vielfalt von seltsamen Dingen zu erfahren, dass ihn das wirklich frustierte. Er versuchte es zu zwingen, innerhalb der Grenzen seines Körpers zu bleiben, aber häufig ohne Erfolg, da sein citta viel zu schnell dahineilte, als dass Achtsamkeit und Weisheit mit ihm hätten Schritt halten können.
Noch zu unerfahren, um eine wirksame Lösung ersinnen zu können, empfand er Unbehagen über die Richtung, die seine Meditation einschlug. Doch dies war ausschließlich seine persönliche Angelegenheit und so konnte er seine missliche Lage niemandem gegenüber erwähnen. Er begleitete seine Anstrengungen mit einem ungeheuren Grad von Achtsamkeit und Weisheit, während er mit vielen verschiedenen Taktiken experimentierte, und litt unter ziemlicher geistiger Anspannung, bevor er über einen brauchbaren Plan verfügte, um sein abenteuerlustiges citta unter Kontrolle zu bekommen. Als er die korrekte Methode, seinen dynamischen Geist zu zähmen, klar erkannte, wurde es ihm bewußt, dass dieser unter allen Umständen sehr vielseitig, energiegeladen und ausgesprochen schnell war. Als schließlich Achtsamkeit und Weisheit harmonisch zusammenarbeiteten, verschmolzen sie so gut mit dem citta, dass sie zu ein-und demselben wurden. So gestärkt, funktionierte das citta wie eine magische Kristallkugel und war vollkommen fähig dazu, mit der Unzahl von Phänomenen, die in ihm entstanden, Schritt zu halten.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann besaß einen kühnen und furchtlosen Charakter. Überdies war er ungewöhnlich intelligent. Da sich seine rigorosen Trainingsmethoden ganz entschieden von denen unterschieden, die von anderen Mönchen praktiziert wurden, war seine Art der Praxis einzigartig und deshalb unheimlich schwer auch nachzuahmen. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen kann ich eindeutig behaupten, dass er von wahrhaft edlem Charakter war und einen schnellen abenteuerlichen Geist besaß, der sich selbst mit unnachgiebiger Entschlossenheit trainierte. Seine harten Trainingsmethoden waren oft genug sehr einzigartig. Er hatte eine geniale Art, harten Druck und sanfte Überredung zu mischen, um seinen dynamischen Geist zu zähmen, der beim kleinsten Ausrutscher in der Konzentration rausflog, um Dinge zu finden, die ihm leicht Probleme bereiten konnten.
Wenn er sich so verzweifelt bemühte, selbständig Wege zu finden, um seinen Geist unter Kontrolle zu halten, wenn er ohne einen zuverlässigen Lehrer praktizierte und die Schwierigkeiten durchstand, hatte er manchmal das Gefühl, mit dem Kopf gegen einen Berg anzurennen. Anders als viele andere musste er ohne bewährte Meditationsmethoden eines weisen Lehrers auskommen – ein Umstand, vor dem er später öfters andere warnte. Seinen eigenen Schülern gegenüber betonte er immer wieder seine Bereitschaft dazu, auftretende Meditationsprobleme zu klären und sie so davor zu bewahren, Zeit zu verschenken, wie er es selbst in seinen früheren Jahren getan hatte.
Kurz nach seiner Ordination begann der Ehrwürdige Lehrmeister Mann, in der Provinz von Nakhon Phanom dhutanga zu wandern, um schließlich den Fluss Mekong zu überqueren und nach Laos zu gehen, wo er zufrieden das asketische Leben in der bergigen Region von Tha Khek üben wollte. Dieses Gebiet von Laos wimmelte nur so von großen und grausamen Tigern, riesigen Bestien. Diese galten als bei weitem hinterlistiger als ihre Verwandten auf der thailändischen Seite des Flusses. Sie griffen die örtlichen Bewohner immer wieder an und töteten sie, um sich an ihrem Fleisch zu weiden. Ungeachtet dieser Brutalität hat-ten jene Menschen, meist vietnamesicher Abstammung, weniger Angst vor den Tigern als ihre thailändischen und laotischen Nachbarn. Immer und immer wieder beobachteten jene Menschen, wie diese furchtbaren Bestien ihre Freunde und Verwandten angriffen und töteten, und blieben trotzdem gleichgültig gegenüber diesem Blutbad. Obwohl sie beobachtet hatten, wie vor ihren Augen einem Freund von einem hungrigen Tiger das Fleisch in Fetzen vom Körper gerissen wurde, gingen sie dennoch, als ob nichts geschehen wäre, am nächsten Tage los, um denselben Wald, der von diesen Tigern wimmelte, zu durchstreifen. Die thailändischen oder laotischen Kommunen reagierten höchst entsetzt darüber, doch schienen die Vietnamesen von solchen Vorkommnissen unberührt zu bleiben. Vielleicht hatten sie sich so sehr daran gewöhnt, etwas Derartiges zu erleben, dass es sie nicht mehr berührte.
Vietnamesen hatten noch eine andere fremdartige Gewohnheit. Wenn sie einen menschenfressenden Tiger plötzlich herausspringen und einen ihrer Begleiter angreifen sahen, machte keiner in der Gruppe irgendwelche Anstrengungen, um dem Freund das Leben zu retten. Die anderen überließen ihn ganz einfach seinem Schicksal und rannten um ihr Leben. Angenommen eine Gruppe übernachtete im Wald. Falls nun ein großer Tiger in das Lager hereinsprang und einen aus der Gruppe herauszog, sprangen die anderen, von dem Lärm geweckt, auf und liefen davon, nur um ganz ruhig in der Nähe einen anderen Ort zum Schlafen zu finden. Sie handeln in solchen Fällen wie Kinder – ohne Sinn und Verstand. Sie verhalten sich, als ob diese großen Bestien, quasi daran gewöhnt, Menschenfleisch zu verschlingen, zu dumm wären, um ihnen dasselbe anzutun.
Ich selbst bin auch vertraut mit solchen Menschen, die keine richtige Angst vor Tigern haben. Kommen diese Menschen in unser Land, lassen sie sich gern in dichten überwachsenen Dschungelgebieten nieder, die von Tigern und anderen wilden Tieren nur so wimmeln. Auf der Suche nach Holz wagen sie sich tief in den Wald hinein und verbringen die Nacht weit vom Dorf entfernt ohne irgendwelche Anzeichen von Furcht. Selbst ganz allein können diese Menschen in der Nacht tief im Wald ohne Angst einschlafen. Wenn sie zum Dorf zurückkehren wollen, zeigen sie keine Bedenken, allein durch dichtes Untergebüsch zu gehen und, wenn es sein muss, auch zurück. Fragt man sie, warum sie keine Angst vor Tigern haben, antworten sie, dass im Gegensatz zu den riesigen Tigern in ihrer Heimat, die Geschmack an Menschenfleisch fänden, die thailändischen Tiger diesen nicht besäßen und, abgesehen davon, sogar Angst vor Menschen hätten. Die Bedingungen in ihrer Heimat seien so gefährlich, dass Menschen, die nachts im Wald bleiben, eine Einfriedung in der Art eines Schweinestalles bauen müssten, um darin zu übernachten. Sonst kämen sie möglicherweise nie wieder zurück. Selbst könnten herumstreifende Tiger in der Nähe einiger Dörfer derart wild sein, dass sich niemand nach Eintritt der Dunkelheit aus dem Haus wage, aus Angst, ein Tiger würde ihn aus der Finsternis anspringen. Die Vietnamesen beschimpfen die Thais sogar als Feiglinge, weil sie niemals allein, sondern immer nur in Gruppen durch den Wald streifen. Aus diesen Gründen behauptete der Ehrwürdige Lehrmeister Mann, dass es den Vietnamesen an einer instinktiven Angst vor Tigern fehle.
Jedoch als der Ehrwürdige Lehrmeister Mann in ihr Land reiste, belästigten ihn die Tiger dort niemals. Wenn er im Wald kampierte, bemerkte er häufig ihre Spuren und hörte ihr Gebrüll, das durch die Bäume in der Nacht echote, aber er fühlte sich nie von ihnen bedroht
– sie waren ganz einfach ein natürlicher Aspekt des Lebens im Wald. Wenn der Ehrwürdige Lehrmeister Mann besorgt war, dann weniger wegen der Tiger als darum, dass er nicht noch in diesem Leben dukkha transzendieren und die allerhöchste Glückseligkeit von Nibbãna verwirklichen würde.
Wenn er über seine Ausflüge auf die andere Seite des Flusses Mekong sprach, erwähnte er niemals, dass er Angst gehabt hätte. Er betrachtete anscheinend solche Gefahren als normalen Teil seiner Wanderungen durch die Wildnis. Wäre ich statt des Lehrmeisters Mann mit denselben Gefahren konfrontiert worden, dann hätten ganz sicher die Dorfbewohner ein Aufgebot schicken müssen, um diesen feigen dhutanga-Mönch zu retten. Schon das gelegentliche Gebrüll eines Tigers, während ich nachts im Wald meine Gehmeditation praktizierte, beunruhigte mich dermaßen, dass ich kaum in der Lage war, zum Ende des Pfades zu gehen. Ich fürchtete, einer dieser Bestien von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen und meinen Verstand zu verlieren. Dazu muss ich sagen, dass ich, sobald ich alt genug war, um solche Dinge zu verstehen, von meinen Eltern und den Nachbarn nur immer einstimmig zu hören bekam, dass Tiger sehr wilde und außergewöhnlich gefährliche Bestien seien. Dieses Gedankengut blieb seitdem immer an mir hängen und machte es mir unmöglich, keine Angst vor Tigern zu haben. Ich muss gestehen, dass ich niemals ein Mittel fand, dieser Tendenz entgegenzuwirken.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann verbrachte die meisten seiner frühen Mönchsjahre damit, die verschiedenen Provinzen des Nordostens von Thailand ausgiebig zu durchwandern. Erst später, als er genug innere Stabilität entwickelt hatte, um den inneren wie den äußeren Ablenkungen und jenen lebhaften geistigen Tendenzen zu widerstehen, die so sehr zu seinem Charakters gehörten, wanderte er auch hinunter in die zentralen Provinzen, wobei er ganz zufrieden nach Art eines dhutanga-Mönches lebte und die Zentrale Ebene durchquerte, bis er schließlich die Hauptstadt Bangkok erreichte. Hier traf er kurz vor der Regenzeit ein, begab sich zum Kloster von Pathumwan und verbrachte seine Regenzeit dort. Während dieser Zeit gewöhnte er es sich an, regelmäßig Chao Khun Upãli Guõýpamãcariya im Kloster von Boromaniwat zu besuchen, um ihn um Rat zu fragen, wie er bessere Methoden zur Entwicklung von Weisheit finden könnte.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann verließ Bangkok nach der Regenzeit, um in die Provinz Lopburi zu wandern, wo er eine Weile in der Höhle von Phai Khwang in der bergigen Region von Phra Ngarn verbrachte, um dann weiter zur Höhle Singto zu gehen. Das Leben an solch vorteilhaften Orten ermöglichte ihm eine ausgezeichnete und ununterbrochene Gelegenheit, seine spirituelle Praxis auf Volltouren zu bringen. Hierbei entwickelte er eine furchtlose Einstellung gegenüber seinem Geist und den Dingen, mit denen dieser in Berührung kam. Zu dieser Zeit war sein samãdhi unerschütterlich. Während er es als solide Basis für seine Praxis benutzte, betrachtete er alles aus der Perspektive des Dhammas und entdeckte unentwegt neue Methoden, um seine Weisheit zu entwickeln. Nach angemessener Zeit kehrte er nach Bangkok zurück, um wieder Chao Khun Upãli Guõýpamãcariya im Kloster Boromaniwat zu besuchen. Er berichtete seinem Mentor über die Entwicklung seiner Meditationspraxis und befragte ihn gleichzeitig wegen seiner Zweifel, die er immer noch bezüglich seiner Weisheitspraxis hatte. Befriedigt, dass seine neu gelernten Untersuchungsmethoden ausreichten, um sein Vorankommen zu fördern, nahm er endgültig Abschied von Chao Khun Upãli und ging fort, um Abgeschiedenheit in der Höhle Sarika in den Khaw Yai Bergen in der Provinz Nakhon Nayok zu suchen.
Die Hohle Sarika
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann lebte und praktizierte drei Jahre in der Höhle Sarika. Seine gesamte Zeit dort war erfüllt von so außergewöhnlichen Erfahrungen, dass sie eine unvergessliche Episode in seinem Leben bildete. Soviel ich weiß, gelangte er zuerst in das Dorf Ban Gluay, das Dorf, das der Höhle am nächsten lag, und so nahe, dass es bequem auf dem Almosengang zu erreichen war. Da er mit der Gegend nicht vertraut war, bat er die Bewohner, ihn zur Höhle Sarika zu führen. Geradeheraus warnten diese ihn, dass dies eine sehr außergewöhnliche Höhle sei und allerlei übernatürliche Kräfte besäße, wobei sie sich darauf versteiften, dass ein Mönch, dessen Tugend nicht rein wäre, dort unmöglich leben könne. Mönche, die dort zu leben versuchten, seien sehr schnell an einer ganzen Anzahl von schmerzhaften Symptomen erkrankt – viele von ihnen wären sogar gestorben, bevor man sie zur Behandlung herunter ins Dorf bringen konnte. Sie erzählten ihm, dass diese Höhle das Herrschaftsgebiet eines Geistes von enormer Größe und mit vielen magischen Kräften sei. Er besäße auch ein übles Temperament. Dieser riesige Geist beschütze die Höhle vor allen Eindringlingen, sogar Mönche bildeten keine Ausnahme. Unerwartete Geschehnisse würden alle erwarten, die in die Höhle eindringen, und viele von ihnen seien tot aufgefunden worden. Dieser Geist fände Vergnügen daran, alle Mönche zu prüfen, die mit der Meisterung von Zaubersprüchen prahlten, die Geister fernhalten sollten. Ausnahmslos seien sie plötzlich krank geworden und eines frühen Todes gestorben. Voller Angst, dass den Ehrwürdigen Lehrmeister dasselbe Schicksal ereilen könnte, flehten die Dorfbewohner ihn an, von seinem Vorhaben abzulassen.
Man erzählte, dem von dem Gerede über einen riesigen bösartigen Geist mit übernatürlichen Kräften neugierig gewordenen Lehrmeister Mann, dass Eindringlinge gewöhnlich in der ersten Nacht ein Zeichen dieser Macht spüren würden. Unruhiger Schlaf würde oft von einem zeichenhaften Traum begleitet werden: Während ein enormer schwarzer Geist über dem Träumer lauerte, drohte er, diesen in den Tod hinauszuzerren, wobei er ihn anschreien würde, dass er schon seit langem der Bewacher dieser Höhle sei und absolute Macht über die ganze Umgebung ausübe und keine Eindringlinge dulden würde. Also würde er jeden, der eindrang, sofort vertreiben, da er keine größere als die eigene Autorität akzeptierte, ausgenommen die einer Person mit vollkommener Tugend und einem liebenden und mitfühlenden Herzen, die diese edlen Qualitäten mit allen Lebewesen teilen würde. Nur eine solche edle Person hätte die Erlaubnis, in der Höhle zu leben, und der Geist würde sie sogar beschützen und ihr seinen Respekt erweisen, aber er würde keine engstirnigen, egoistischen Eindringlinge mit schlechten Manieren dulden.
Da für sie das Leben in der Höhle eine sehr unangenehme Erfahrung war, weigerten sich die meisten Mönche, lange Zeit dort zu verbringen. Angst vor dem Tod ließe sie eilends von dannen ziehen. Im Allgemeinen gelang es niemandem, lange zu bleiben, allerhöchstens ein bis zwei Tage, und sie würden sich schleunigst auf die Socken machen. Am Leibe zitternd, wenn sie den Abstieg machten, und nahezu verrückt, faselten sie irgend etwas von einem wilden dämonischen Geist. Erschrocken und gejagt würden sie fliehen, um nie wieder zurückzukehren. Schlimmer noch, einige, die zur Höhle hinaufstiegen, würden nie wieder zurückkommen. Aus diesem Grunde besorgt über das Schicksal, das ihn erwartete, wollten die Dorfbewohner nicht, dass der Ehrwürdige Lehrmeister Mann das nächste Opfer würde.
Der Lehrmeister Mann fragte, was sie damit meinten, wenn sie sag-ten, dass manche Mönche hinaufgingen, um nie wieder zurückzukehren. Warum kamen sie nicht wieder zurück? Es wurde ihm gesagt, dass sie, wenn sie dort oben gestorben seien, unmöglich zurückkommen könnten. Sie erzählten eine Geschichte von vier scheinbar sehr kompetenten Mönchen, die vor nicht allzu langer Zeit in der Höhle gestorben wären. Einer von ihnen hatte den Dorfbewohnen, bevor er die Höhle betrat, versichert, dass er gegenüber Angst unempfindlich sei, da er einen kraftvollen Zauberspruch, der ihn vor Geistern und anderen Geisteswesen schützen würde, und noch viele andere mächtige Zaubersprüche kenne. Er war davon überzeugt, dass kein Geisteswesen ihn bedrohen könnte. Die Dorfbewohner warnten ihn wiederholt vor den ihm lauernden Gefahren und versuchten, ihn von seiner Absicht abzubringen, aber er bestand darauf, dass er keine Furcht kenne und dass sie ihn zur Höhle führten. Ihnen blieb dann keine andere Wahl und so zeigten sie ihm den Weg. Kaum dort angelangt, wurde er von einer Reihe von Beschwerden heimgesucht, unter anderem hohes Fieber, pochende Kopfschmerzen und schreckliche Bauchschmerzen. Während er unruhig schlief, träumte er, dass er zu seinem Tod fortgetragen würde.
Im Laufe der Jahre versuchten viele verschiedene Mönche dort zu leben, aber ihre Erfahrungen waren verblüffend ähnlich – einige starben, andere flohen. Die vier vorher genannten Mönche starben in nur kurzer Zeit. Die Dorfbewohner jedoch konnten nicht bestätigen, dass ihr Tod von einem bösartigen Geist verursacht wurde, vielleicht gab es ja andere Gründe, aber sie nahmen im Zusammenhang mit der Höhle eine mächtige Anwesenheit wahr. Die Bewohner waren, während sie auf der Hut blieben, nicht so dreist, seine Macht herauszufordern, da sie sich dann selbst entweder in kritischer Situation befindlich oder als Leichname hinuntergetragen sahen.
Der Lehrmeister Mann befragte sie weiter, um sicherzugehen, dass sie ihm die Wahrheit erzählten. Sie versicherten, solche Dinge passierten so oft, dass sie schon eine Gänsehaut bekämen, wenn sie nur daran dächten. Aus diesem Grunde warnten sie auch Mönche oder Laien, die kamen, um die Höhle nach magischen Objekten oder heiligen Amuletten zu durchsuchen. Ob die Höhle tatsächlich solche Dinge enthielt, ist eine andere Frage, da aber einige Menschen gern von ihrer Existenz sprachen, bedeutete dies, dass sich Leute mit einem Hang für heilige Objekte unweigerlich dort hinbegaben, um nach diesen zu suchen. Die Dorfbewohner haben solche Dinge niemals in der Höhle gefunden und jene, die danach suchten, hatten nichts als den Tod gefunden oder waren zumindest knapp dem Tod entronnen. Aus diesem Grunde machten sie sich um den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann Sorgen und baten ihn, nicht zu gehen.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann lieh ihnen ein mitfühlendes Ohr, war aber schließlich trotzdem neugierig, die Höhle zu sehen. Lebend oder sterbend, er wollte sich diesem Test unterziehen und somit die Wahrheit dieser Geschichten ergründen. Die furchterregenden Geschichten, die er hörte, machten ihm überhaupt keine Angst. In Wahrheit erkannte er dieses Abenteuer als ein Mittel, um Achtsamkeit zu entfalten und eine Gelegenheit, um viele neue Ideen für die Kontemplation zu gewinnen. Er besaß den Mut, sich dem, was auch immer passieren möge, zu stellen, so wie es jemandem zukam, der wahrlich auf der Suche nach der Wahrheit ist. Auf seine eigene bescheidene Weise gab er den Dorfbewohnern zu verstehen, dass er, obwohl die Geschichten furchterregend seien, trotzdem eine Weile in der Höhle leben wollte. Er versicherte ihnen, dass er beim Anblick der ersten Schwierigkeiten sofort herunterkommen würde, und bat sie, ihn zur Höhle zu begleiten, was sie dann entgegenkommender Weise auch taten.
Mehrere Tage lang blieb die körperliche Verfassung des Lehrmeisters Mann normal und sein Herz ruhig und gelassen. Die Umgebung der Höhle war abgeschieden und sehr still, nur unterbrochen von dem natürlichen Lärm der wilden Tiere, die im Wald nach Futter suchten. Er verbrachte die ersten Nächte zufrieden, begann jedoch in den darauffolgenden Nächten, unter heftigen Bauchschmerzen zu leiden. Obwohl solche Art von Schmerzen für ihn nichts Neues waren, verschlimmerte sich sein Zustand dieses Mal immer mehr, und zwar so sehr, dass er einige Male Blut im Stuhl ausschied. Kurze Zeit später weigerte sich sein Magen, das Essen normal zu verdauen – unverdaut passierte es den Darm. Dies ließ ihn darüber nachdenken, was ihm die Dorfbewohner erzählt hatten, wie kürzlich vier Mönche hier gestorben seien. Würde sich sein Zustand nicht bessern, könnte es möglich sein, dass er der fünfte wäre.
Als die Laien ihn eines Morgens in der Höhle besuchten, schickte er sie aus, nach gewissen medizinischen Pflanzen zu suchen, die er zuvor als hilfreich empfunden hatte. Sie sammelten verschiedene Wurzeln und Holzsubstanzen, die er zu einem Saft aufkochte, den er trank oder zu Pulver zerstieß und in Wasser aufgelöst trank. Er versuchte mehrere verschiedene Kombinationen dieser Kräuter, aber keine davon führte zu einer Erleichterung seiner Symptome – im Gegenteil, sie wurden von Tag zu Tag schlimmer. Sein Körper war ausgesprochen schwach und obwohl seine geistige Entschlusskraft nicht sonderlich davon beeinflusst wurde, war er eindeutig schwächer als normalerweise.
Als er eines Tages so saß und die Medizin trank, kam ihm ein Gedanke, der ihn eine selbstkritische Untersuchung anstellen ließ, die seine Entschlossenheit wieder stärkte: Ich habe diese Medizin nun tagelang zu mir genommen, und würde sie effektiv meinen Magen heilen, dann müsste ich jetzt schon einige positive Auswirkungen sehen. Aber jeden Tag verschlechtert sich mein Befinden. Warum hat denn diese Medizin keine heilende Wirkung? Wahrscheinlich hilft sie überhaupt nicht und wirkt sich im Gegenteil nachteilig aus und führt nur zur Verschlechterung. Wenn dem so ist, warum sie also dann noch weiter zu mir nehmen?
In dem Moment, wo er sich seiner Situation voll bewusst wurde, fasste er einen ganz entscheidenden Entschluss: Von diesem Tag an würde er seine Magenbeschwerden nur noch mit der »Heilkraft des Dhammas« kurieren. Sollte er weiterleben, dann um so besser, sollte er dabei draufgehen, dann sollte es eben so sein. Da sich die herkömmliche Behandlung als wirkungslos herausgestellt hatte, beschloss er, keinerlei Medizin mehr zu sich zu nehmen, bis er entweder durch die »Heilkraft des Dhammas« kuriert war oder hier in dieser Höhle zugrunde ging. Mit diesem festen Entschluss im Geiste sich: »Ich bin ein buddhistischer Mönch. Ich habe Meditation sicherlich lange genug praktiziert, um den richtigen Weg, der zu magga phala und Nibbãna führt, zu erkennen. Nun sollte also meine Praxis fest in dieser Überzeugung verankert sein. Warum bin ich dann also so schwach und feige, wenn ich mit ein paar Schmerzen konfrontiert werde? Es ist schließlich nur ein leichter Schmerz, jedoch scheine ich damit nicht umgehen zu können. Plötzlich schwach werdend, fühle ich mich so-fort geschlagen. Später, wenn das Leben die kritische Schwelle erreicht
– im Moment des Todes – wenn der Körper auseinanderbricht und sich auflöst, wird ein Ansturm von Schmerz auf meinen Körper und Geist erbarmungslos herabsausen! Wo will ich dann die Stärke hernehmen, um diesen Kampf auszufechten, sodass ich diese Welt transzendieren kann und es vermeide, im Todeskampf außer Gefecht gesetzt zu werden?«
Einmütig entschlossen, hörte er auf, jegliche Medizin zu sich zu nehmen, und fing ernsthaft an, sich auf die Meditation, als alleiniges Heilmittel für alle spirituellen wie körperlichen Unpässlichkeiten, zu konzentrieren. Während er Sorgen um sein Leben hinter sich ließ, überließ er seinen Körper seinem eigenen natürlichen Verlauf und wendete seine Aufmerksamkeit auf die genaue Untersuchung des citta – jenes »essentielle Wissen«, das niemals stirbt, jedoch den Tod als ständigen Begleiter ins sich trägt. Er machte sich an die Arbeit, das citta zu erforschen, indem er die volle Kraft seiner Achtsamkeit und Weisheit, seines Vertrauens und Durchhaltevermögens benutzte, das er schon so lange in sich entwickelt hatte. Er zeigte kein Interesse mehr an seiner bedenklichen körperlichen Verfassung und Sorgen um den Tod kamen nicht mehr hoch. Er wandte seine Achtsamkeit und Weisheit darauf, die schmerzhaften Gefühle, die er empfand, zu untersuchen und den Körper in seine elementaren Bestandteile zu zerlegen und dann einen jeden aufs genaueste zu erforschen. Er untersuchte die physikalischen Elemente des Körpers und die Gefühle des Schmerzes in ihnen. Er untersuchte die Funktion von Assoziationen, die Annahmen, dass der eine oder andere Teil des Körpers Schmerzen habe. Auch untersuchte er die Gedankenprozesse, die den Körper als schmerzerfüllt erscheinen lassen. All diese grundlegenden Aspekte wurden in die Untersuchung mit einbezogen, die, von Achtsamkeit und Weisheit geleitet, ständig und ohne Unterbrechung von Sonnenaufgang bis Mitternacht den Körper, den Schmerz und das citta erforschte.
Mit Hilfe dieses Prozesses gelang es ihm, den Körper derart vollständig von den starken Schmerzen, die aufgrund seiner Magenstörung entstanden waren, zu trennen, bis er es verstand und zwar mit absoluter Klarheit verstand, wie diese miteinander verwoben sind. In diesem Moment der Einsicht zog sich sein citta in eine vollkommene Stille zusammen – ein Moment, der seine spirituelle Entschlossenheit über alle Maßen stärkte und seine körperliche Krankheit vollkommen zum Verschwinden brachte. Die Krankheit, der Schmerz und die Beschäftigung des Geistes verschwanden alle – im selben Moment.
Nachdem es nur kurz in dieser vollkommenen Stille verweilt hatte, zog sich sein citta etwas daraus zurück, wobei es die Ebene des upacãra samãdhi erreichte. Dieses »leuchtende citta«verließ dann die Grenzen seines Körpers und begegnete unverzüglich einem enormen schwarzen etwa 10 Meter großen Mann. Der hatte eine riesige metallene Keule in der Hand, ca. 4 Meter lang und so dick wie ein Mannesbein. Auf den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann zugehend, kündigte die Gestalt mit drohender Stimme an, dass sie ihn auf der Stelle in die Erde stamp-fen würde. Sie warnte den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann, dass er noch in diesem Moment fliehen solle, wenn er am Leben bleiben wolle. Der auf seinen Schultern liegende metallene Prügel war groß genug, um mit einem einzigen Schlag einen großen männlichen Elefanten in den Boden zu stampfen.
Lehrmeister Mann richtete sein citta dann auf diesen riesigen Geist und fragte ihn, warum er jemanden, der nichts getan habe, um so eine brutale Behandlung zu verdienen, zu Tode schlagen wolle. Er erinnerte den Riesen daran, dass er dadurch, da er hier in dieser Höhle lebt, niemandem etwas zu Leide getan und keine Unruhe gestiftet habe, die eine solche tödliche Bestrafung rechtfertigen würde. Der Riese antwortete, dass er seit langem die einzige Autorität sei, die den Berg beschütze und er niemals irgendjemandem erlauben würde, diese Autorität an sich zu reißen. Er fühle sich dazu verpflichtet, gegenüber allen Eindringlingen entschiedene Maßnahmen zu ergreifen. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann tadelte ihn mit seiner Antwort:
“Ich kam nicht hierher, um mir irgendjemandes Autorität anzumaßen. Ich kam hierher, um mich der edlen Aufgabe der spirituellen Entwicklung zu widmen, da ich darauf hinarbeite, die Autorität der kilesas, die diese über mein Herz ausüben, an mich zu reißen. Einen tugendhaften Mönch, auf welche Weise auch immer zu verletzen, ist eine absolut verachtenswerte Tat. Ich bin ein Anhänger des Erhabenen Buddha, jenes allerhöchsten reinsten Wesens, dessen allmächtige liebende Güte die Gesamtheit des fühlenden Universums einhüllt. Gibt jene Autorität, von der du so prahlst, dir die Macht, die Autorität von Dhamma und kamma – jener unveränderlichen Gesetze, welche die Existenz aller Lebewesen regeln – außer Gefecht zu setzen?”
“Nein, mein Herr”.
“Dann macht dich eine solch anmaßende Autorität nur zu einem wilden und grausamen Individuum und wird für dich sehr schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Du verfügst nicht über die Autorität, die du bräuchtest, um dich vom Bösen zu befreien, und benutzt deshalb das Feuer der Magie gegen andere, ohne zu bemerken, dass du dich damit selbst verbrennst. In der Tat erwirkst du dir sehr schwerwiegendes kamma. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, willst du jemanden angreifen und töten, der die Tugend von Dhamma verkörpert, das zentrale Bedeutung für das Wohl der Welt besitzt. Wie wird es dir jemals möglich sein, Anspruch auf lobenswerte Tugend zu erheben, wenn du darauf bestehst, dich so schlecht und mit solch einer Brutalität zu benehmen?
Ich bin ein Mann der Tugend. Ich bin mit den reinsten Absichten hierher gekommen, um Dhamma für mein eigenes spirituelles Fortkommen und für das der anderen zu praktizieren. Abgesehen davon, dass du mir drohst, mich in Grund und Boden zu hauen, gibst du dir auch keine Mühe, an die Konsequenzen einer solch schlechten Tat zu denken. Erkennst du denn nicht, dass dich dies in die Hölle bringt, wo du dann die schrecklichen Qualen erfahren wirst, die du dir erwirkt hast? Eher, als dass ich mir Sorgen um mich selbst mache, tust du mir unheimlich Leid, da du so von deiner eigenen Autorität besessen bist, dass diese dich lebendigen Leibes verbrennen wird. Können deine machtvollen Kräfte denn den Auswirkungen deiner schwerwiegenden Tat, die du gerade begehen willst, standhalten? Du behauptest, dass du über diesen Berg absolute Macht besitzt, aber können diese magischen Kräfte Dhamma und das Gesetz von kamma außer Kraft setzen? Sind deine Kräfte wirklich dem Dhamma überlegen, dann bitte lass dich nicht halten und schlage mich tot. Ich habe keine Angst zu sterben. Selbst wenn ich heute nicht sterbe, so ist mein Tod unausweichlich, da die Welt ein Ort ist, an dem alle, die geboren werden, sterben müssen, selbst du, der du so geblendet von deiner eigenen Wichtigtuerei bist. Du stehst weder über dem Tod, noch kannst du dich dem kamma, das alle Lebewesen regiert, entziehen”.
Das mysteriöse Wesen stand wie versteinert da, wobei der metallene Prügel auf seinen Schultern ruhte, und hörte zu, während der Ehrwürdige Lehrmeister Mann ihn mit Hilfe der samãdhi-Meditation ermahnte. Er stand so vollkommen still da und wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätten wir sagen können, er sei so erschreckt und beschämt gewesen, dass er kaum atmen konnte. Aber er war ein spezielles (nicht menschliches Wesen), das nicht zu atmen braucht. Doch zeigte sein Verhalten, dass er so beschämt und ängstlich gegenüber dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann war, dass er kaum in der Lage war, seine Emotionen im Zaume zu halten, und doch tat er dieses auf bewundernswerte Weise.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann beendete seinen Vortrag. Plötzlich warf der zerknirschte Geist seinen Prügel von der Schulter und verwandelte sich spontan von einer großen schwarzen Gestalt in einen hingebungsvollen buddhistischen Gentleman von mildem und freundlichem Wesen. Er näherte sich dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann mit aufrichtigem Respekt und bat diesen mit dem Ausdruck seiner tiefen Reue um Vergebung. Er sagte etwa folgendes:
“Ich war erstaunt und erschrocken, als ich dich zum ersten Mal sah. Ich bemerkte sofort einen ungewöhnlichen und wunderbaren Glanz, der von dir ausstrahlte, ein unvergleichliches Strahlen, das ich sonst nie gesehen hatte. Es machte einen so tiefen Eindruck auf mich, dass ich mich in deiner Gegenwart schwach und sprachlos fühlte. Ich war derart von diesem Glanz gefangen genommen, dass ich nicht dagegen ankam. Jedoch wusste ich nicht, was es war, da ich so etwas noch nie zuvor erlebt hatte.
Meine vorherigen Drohungen, dich zu töten, entstammten nicht den wahren Gefühlen meines Herzens. Sie entstammen mehr dem lang gehegten Glauben, dass ich ohne Rivalen die absolute Autorität nicht nur über nicht menschliche Wesen, sondern auch über Menschen mit bösen Absichten, denen es an moralischen Prinzipien fehlt, innehabe. Solch eine Autorität kann gegenüber jedem zu jeder Zeit ausgeübt werden und die betreffende Person wird machtlos sein, dagegen anzugehen. Diese arrogante Einstellung von Selbstüberheblichkeit trieb mich dazu, dich anzugehen. Aus einem Gefühl von Verwundbarkeit heraus wollte ich nicht mein Gesicht verlieren. Selbst als ich dich bedrohte, fühlte ich mich nervös und zögerte und es war mir nicht möglich, meine Drohung in die Tat umzusetzen. Es war bloß die Haltung von jemandem, der es gewöhnt ist, Macht über andere auszuüben. Bitte sei so mitfühlend und vergib mir mein grobes und geschmackloses Benehmen heute, denn ich mag nicht mehr die Konsequenzen von Bösem erleiden. So wie es jetzt ist, lei-de ich schon genug. Nur ein bisschen mehr und ich habe nicht mehr die Kraft, es zu ertragen.”
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann wurde daraufhin neugierig: “Du bist eine hervorstechende Persönlichkeit mit enormer Macht und Prestige. Du hast einen immateriellen Körper, also brauchst du nicht unter den menschlichen Qualen von Hunger und Müdigkeit zu leiden. Du hast keine Bürden, dir dein Leben, so wie die Menschen hier auf der Erde, zu verdienen, warum sich also dann über
Leiden beklagen? Wenn eine himmlische Existenz nicht Glückselig
keit bedeutet, welche Existenz denn dann?”
Der Geist antwortete: “Von einem oberflächlichen Standpunkt aus
gesehen, ist es sicherlich wahr, dass himmlische Wesen mit ihren äthe
rischen Körpern mehr an Glück genießen dürfen als die Menschen
mit ihrem viel gröberen Körper. Aber von der spirituellen Warte aus
gesehen, leidet der ätherische Körper eines himmlischen Wesens
immer noch, entsprechend der Feinheit seiner Existenz, an einem
gewissen Maß an Unbehagen”.
Die Diskussion zwischen dem Mönch und dem Geist war viel zu tiefgründig und kompliziert, als dass ich hier jedes Detail davon wiedergeben könnte. Ich hoffe der Leser vergibt mir diese Unzulänglichkeit.
Als Ergebnis dieser Unterredung bestätigte das mysteriöse Wesen, indem es dem von ihm gehörten Dhamma großen Respekt erwies, seine Zuflucht zu dem dreifachen Juwel – Buddha, Dhamma und Sangha. Er bekannte sich dazu, dass er den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann auch als seine Zuflucht betrachtete, und bat ihn, Zeuge seines Glaubens zu sein. Gleichzeitig offerierte er dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann seinen vollen Schutz und lud ihn ein, unbegrenzt in der Höhle zu verweilen. Hätte Lehrmeister Mann ihm diesen Wunsch erfüllt, hätte dieser sein restliches Leben in dieser Höhle verbracht. Da er diese Gelegenheit, für ihn sorgen zu dürfen, schätzte, wollte er sicherstellen, dass jener, während seiner Meditation, durch absolut nichts gestört werden würde. In Wahrheit war er kein solch mysteriöses Wesen mit einem riesigen schwarzen Körper, denn das war nur eine Verkleidung, sondern er war der Hauptführer all der irdischen devas dieser Region. Die Menge seines Gefolges lebte in einer Gegend mit den Bergen von Nakhon Nayok als Zentrum, die sich auch in viele umgebende Provinzen ausdehnte.
Das citta des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann hatte sich um Mitternacht in diese Stille zusammengezogen, um danach das irdische deva anzutreffen und sich mit diesem mit Hilfe der samãdhi-Meditation bis vier Uhr morgens zu unterhalten, bevor sich dann sein citta wieder in den normalen Bewusstseinszustand begeben hatte. Die Magenprobleme, die ihm so zu schaffen gemacht hatten, als er sich am Abend zuvor zur Meditation hinsetzte, waren danach vollkommen verschwunden. Die Heilkraft des Dhamma, mit Hilfe der Meditation gehandhabt, war die einzige Medizin, die er für eine komplette Heilung benötigte – eine Erfahrung, die Lehrmeister Mann unglaublich erstaunlich fand. Er gönnte sich keinen Schlaf und bemühte sich weiter in seiner Praxis bis zum Morgengrauen. Statt nach einer Nacht voller Anstrengung erschöpft zu sein, fühlte sich sein Körper kraftvoller als je zuvor an.
Er hatte eine Nacht voller außerordentlicher Erlebnisse verbracht: Er war Zeuge der Macht des Dhammas gewesen, einen ungebärdigen Geist zu zähmen – Arroganz in Glauben zu verwandeln – sein citta hatte sich viele Stunden lang in einem friedlichen und ruhigen Zustand befunden, wobei er eine wunderbare Art von Glück genossen hatte, und seine chronische Krankheit war vollkommen geheilt, seine Verdauung normalisierte sich. Er war zufrieden damit, dass sein Geist eine solide spirituelle Basis verwirklicht hatte, der man vertrauen konnte, und dass damit viele seiner lauernden Zweifel verscheucht worden waren. Er hatte viele ungewöhnliche tiefe Einsichten, die er nie zuvor erlebt hatte, von zweierlei Art – die einen entfernten die kilesas und die anderen vertieften seine speziellen Einsichten, die so sehr Teil seines Charakters waren.
Während der nächsten Monate entwickelte sich seine Meditation ungestört und wurde ständig von unbeschreiblichem Frieden und von Stille begleitet. Nachdem sein Gesundheitszustand wieder normal geworden war, hatte er keine körperlichen Beschwerden mehr. Spät in der Nacht traf er sich mit Gruppen irdischer devas, die aus den verschiedensten Gebieten zu ihm kamen. Die devas von den umliegenden Gebieten hatten alle vom Ehrwürdigen Lehrmeister Mann gehört, da dieses mysteriöse deva, das ihn in ein Wortgefecht verwickelt hatte, nun seine Gegenwart verkündete und Gruppen von devas begleitete, um ihn zu treffen. An Nächten, wo keine Besucher kamen, erfreute er sich seiner Meditationspraxis.
Eines Nachmittags stand er von seinem Meditationsplatz auf, um nicht weit vom Eingang der Höhle im Freien zu sitzen, und dachte über das Dhamma des Erhabenen Buddha nach, das dieser der Menschheit mit so viel Mitgefühl dargebracht hatte. Er fühlte, dass dieses Dhamma so sehr in die Tiefe geht, dass es schwierig ist, es bis zur Vollkommenheit zu praktizieren, schwierig, seine grundlegende Wahrheit zu erkennen. Ein Gefühl der Befriedigung stieg in ihm auf, wenn er daran dachte, dass er sich so glücklich schätzen durfte, dieses Dhamma zu praktizieren und Einsichten in viele wundersame Dinge zu erlangen – ein unglaubliches Gefühl. Obwohl er noch nicht die höchste Verwirklichung erlangt hatte, etwas, das zu verwirklichen er sich schon lange erträumt hatte, war er dennoch sehr zufrieden mit dem spirituellen Frieden, den er erfuhr. Er war sich nun ganz sicher, dass seine Hoffnungen sich eines Tages erfüllen würden, es sei denn, der Tod kam dazwischen.
Während er die angenehmen Gefühle genoss, dachte er über seinen Weg der Praxis und die Ergebnisse nach, die er Schritt für Schritt zu erreichen hoffte, bis hin zur vollständigen Beseitigung jeglicher Spur von Unzufriedenheit, die noch in seinem Herzen lungerte. Gerade da erschien eine große Schar von Affen auf der Suche nach Futter vor seiner Höhle. Der Anführer war ein ganzes Stückchen von den Übrigen entfernt und kam als Erster an. Als er die Gegend vor der Höhle erreicht hatte, nahm er Lehrmeister Mann wahr, der sehr still mit geöffneten Augen dasaß und die ankommenden Affen ruhig beobachtete. Der Affe wurde bei seinem Anblick sofort misstrauisch. Nervös und besorgt um die Sicherheit seiner Schar, rannte er vor und zurück auf dem Ast eines Baumes, wobei er ihn vorsichtig beäugte. Lehrmeister Mann verstand seinen Argwohn, hatte Mitgefühl mit ihm und sendete wohlwollende Gedanken der liebenden Güte aus: Ich kam hierher, um Dhamma zu praktizieren, nicht, um irgendjemand zu belästigen oder zu verletzen, also besteht kein Grund, Angst vor mir zu haben. Geh nur und suche nach Belieben nach Essbarem. Von mir aus kannst du jeden Tag hierher kommen und Futter suchen.
In Blitzeseile rannte der Anführer zurück zu seiner Schar, die der Lehrmeister Mann in der Ferne ankommen sah. Köstlich amüsiert, aber zugleich mit ernsthaftem Mitgefühl beobachtete er, was als Nächstes käme. Sobald jener die anderen erreicht hatte, rief er schnell aus: “Goke, Macht mal langsam. Da drüben ist etwas – es kann gefährlich sein”. Als sie das hörten, fragten die Affen alle auf einmal: “Goke, goke? Wo, wo denn?” In dem Moment drehte der Anführer seinen Kopf in die Richtung, wo Lehrmeister Mann saß, als ob er sagen wollte: “Da drüben sitzt es, könnt ihr es sehen?” oder etwas Ähnliches in der Sprache der Tiere, die ein unergründliches Geheimnis für die meisten Menschen ist, jedoch Lehrmeister Mann verstand jedes Wort, das sie sprachen.
Sobald er dem Rest der Schar den Platz von Lehrmeister Mann angedeutet hatte, warnte der Anführer sie, sich langsam und vorsichtig vorwärts zu bewegen, bis sie in der Lage waren, genau zu ergründen, was dort vorne los war. Er rannte dann vor der Schar her und näherte sich vorsichtig dem Eingang zur Höhle, wo Lehrmeister Mann saß. Er war ängstlich aber zugleich neugierig, was es da gäbe, besorgt um die Sicherheit der anderen, die ihm nachfolgten. Er näherte sich vorsichtig Lehrmeister Mann, wobei er von Ast zu Ast auf und ab hüpfte, wie eben Affen es machen, da sie, wie jedermann weiß, ziemlich rastlose Geschöpfe sind. Der Anführer beobachtete ihn so lange ohne Unterlass, bis er sich sicher war, dass er keine Gefahr darstellte, dann rannte er zurück zu seinen Freunden und tat kund: “Goke, wir können gehen, Goke, es besteht keine Gefahr”.
In der Zwischenzeit saß der Lehrmeister Mann vollkommen still da, während er des Anführers innere Gefühle beobachtete, um seine Reaktion ihm gegenüber abschätzen zu können. Die Art, wie er zu seinen Freunden zurückrannte, war zwar ziemlich komisch, aber da er jedes Wort, das sie sprachen, verstand, konnte er nicht umhin, Mitleid mit ihnen zu haben. Für diejenigen von uns, welche die Sprache dieser Geschöpfe nicht verstehen, sind deren Rufe hin und her eben nur Geräusche im Wald, ähnlich den Rufen von Vögeln, die wir tagtäglich hören. Aber als der Anführer zurückrannte und seine Schar anredete, verstand der Lehrmeister Mann den Sinn so klar, als ob die-se sich in menschlicher Sprache unterhalten hätten.
p.26 Anfangs, als der Affenanführer ihn erblickte, rannte er zu seiner Schar zurück und stieß einen Warnschrei für seine Freunde aus, wodurch er sie ermahnte vorsichtig zu sein und gut aufzupassen auf das, was er ihnen zu sagen hätte. Obwohl er diese Nachrichten in den goke-goke-Lauten, welche die Affen machen, von sich gab, war die grundlegende Bedeutung den anderen klar. “Haltet an, nicht so schnell, da vorne ist eine Gefahr.” Als die anderen die Warnung hörten, wollten sie wissen, was für eine Gefahr denn da sei. Als Erstes fragte einer: “Goke, was ist es?” Dann fragten die anderen: “Goke, was ist denn los?” Der Scharführer antwortete ihnen: “Goke, gake, es gibt da drüben etwas, das gefährlich sein könnte.” Die anderen fragten: “Goke, wo ist es?” Der Anführer erwiderte: “Goke, gleich dort drüben.”
Die Geräusche, die von diesem großen Trupp Affen bei ihren Fragen und Antworten gemacht wurden, echoten durch den ganzen Wald.
Zuerst schrie einer eine Warnung aus, dann ein anderer, bis die Affen, groß und klein, wild vor und zurückrannten, um die Lage zu klären. Voller Angst vor der möglichen Gefahr, die ihnen bevorstand, schrien sie einander alle aufgeregt in einem Stadium allgemeiner Verwirrung an – eben gerade so, wie wir Menschen es in einer Ausnahmesituation machen. Ihr Anführer musste notgedrungen vorpreschen und die Situation für sie klären, wobei er sie zur Vorsicht ermahnte. “Goke, gake, jeder wartet hier erst einmal, während ich vorgehe und die Situation auslote.” Mit diesen Worten verabschiedete er sich und eilte zurück, um nochmals nachzusehen. Als er sich Lehrmeister Mann näherte, der am Eingang der Höhle saß, beobachtete er ihn argwöhnisch, während er vor und zurück durch das Astwerk hastete. Seine Augen studierten ihn aufs genaueste, bis er feststellte, dass er kein Gegner sei. Dann eilte er zurück zu seiner Schar und gab kund: “Goke, gake, wir können nun gehen, es besteht keine Gefahr. Es gibt keinen Grund zur Angst”. Also kam die ganze Schar heran bis zu dem Platz, an dem Lehrmeister Mann saß, wobei alle ihn vorsichtig anguckten, was nur ihr fortbestehendes Misstrauen signalisierte. Sie alle hüpften wie wild in den Bäumen, was eben die Art von Affen ist, wenn ihre Neugier geweckt wird. Der goke-gake-Laut ihrer Fragen echote durch den Wald. “Was ist es, was macht es da?” Die Laute ihrer Antworten echoten zurück in dem erregten Ton von Tieren, die herausfinden wollen, was denn los sei.
Diese Geschichte ist in Wiederholform erzählt, da dies der Stil des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann selbst war, wenn er sie erzählte. Er wollte damit bei seiner Zuhörerschaft interessanten Punkten Nachdruck verleihen um diesen ihre Bedeutung klar zu stellen. Er sagte, dass wilde Affen in Panik geraten, wenn sie eine Gefahr verspüren, da Menschen seit ewigen Zeiten verschiedenste brutale Methoden angewandt haben, um diese Tiere – in unermesslicher Zahl – zu töten. Aus diesem Grund hegen Affen instinktiv großes Misstrauen gegenüber Menschen.
Der Bewusstseinsstrom eines Tieres erfüllt seine verschiedenen Laute mit angemessener Bedeutung, genauso wie verbale menschliche Ausdrücke vom menschlichen Bewusstseinsstrom bestimmt werden. Also ist es genauso einfach für Affen, die Bedeutung ihrer gemeinsamen Laute zu verstehen, wie es für Menschen ist, ihre gemeinsame Sprache zu verstehen. Jeder Laut, der von dem Bewusstseinsstrom eines Tieres geformt wird, ist einer gewissen Bedeutung und einem bestimmten Zweck zugeordnet. Solche Laute überbringen den Zuhörern eine klare Nachricht – ausnahmslos verstehen sie die genaue Bedeutung. Wenn also Affen einen Laut wie »goke« ausrufen, verstehen alle seine beabsichtigte Bedeutung, da dies die Sprache ist, die Affen zur Kommunikation benutzen. Jedoch vermitteln diese dem Menschen keinen erkennbaren Sinn. Genau dasselbe gilt für Menschen verschiedener Nationalitäten, die alle ihre eigene Sprache sprechen. So wie die meisten Nationen in der Welt ihre ihnen eigene Sprache haben, so hat auch jede Art von Tieren ihre eigenen Mittel der Kommunikation. Ob nun Menschen und Tiere die Sprache des anderen verstehen können, ist dann kein Thema mehr, wenn wir akzeptieren, dass jede Gruppe das Vorrecht besitzt, über die Variablen ihrer eigenen Art von Sprache zu entscheiden.
Als sie schließlich ihre Zweifel ausgeräumt hatten, streiften die Affen ungezwungen in der Gegend um die Höhle herum und suchten nach Belieben nach Futter. Sie waren nicht mehr auf der Hut, nicht mehr um Gefahr besorgt. Von diesem Tag an fühlten sie sich dort wie zu Hause und zeigten kein Interesse mehr an Lehrmeister Mann und er selbst schenkte ihnen auch keine besondere Beachtung, da beide ihrem eigenen Lebensrhythmus nachgingen.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann sagte, dass alle Tiere, die in seiner näheren Umgebung, in der er lebte, nach Futter suchten, dieses zufrieden und ohne Angst taten. Normalerweise fühlen sich alle Arten von Tieren wohl, an Orten zu leben, wo Mönche ihre Bleibe aufgeschlagen haben, da Tiere emotional gesehen den Menschen ziemlich ähnlich sind. Ihnen fehlen nur der gleiche überlegene Einfluss und die Intelligenz, die den Menschen eigen sind. Ihre Ebene der Intelligenz reicht nur dazu aus, nach Futter zu suchen und ein Versteck zu fin-den, um Tag für Tag überleben zu können.
Eines Abends fühlte sich der Ehrwürdige Lehrmeister Mann von einer so tiefen Traurigkeit überkommen, dass Tränen in seinen Augen standen. Während er in der Meditation saß und sich auf die Körperkontemplation konzentrierte, zog sich sein citta in einen Zustand von solch einer absoluten Stille zusammen, dass es komplett leer zu sein schien. In diesem Moment kam es ihm vor, als ob das ganze Universum zu existieren aufgehört hätte. Nur die Leerheit blieb übrig, sein citta war vollkommen leer. Als er aus diesem tiefen Zustand auftauchte, dachte er über die Lehre nach, die der Erhabene Buddha verschrieb, um diejenigen verunreinigenden Fremdkörper zu entfernen, die in den Herzen aller Lebewesen existieren – eine Lehre, die der durchdringenden und genialen Weisheit des Erhabenen Buddha entstammte. Je mehr er darüber nachdachte, desto besser verstand er die wunderbare und scharfsinnige Natur des Erhabenen Buddha und desto tieftrauriger wurde er über seine eigene Unwissenheit. Er verstand nun klar die überaus wichtige Funktion von rechter Übung und Anleitung. Selbst solche gewöhnlichen körperlichen Handlungen wie das Essen und unsere Darmentleerung müssen uns beigebracht werden. Wir lernen diese auf die rechte Art, wenn wir trainiert und angeleitet werden. Uns waschen und anziehen, in der Tat, alle unseren täglichen Verrichtungen müssen anerzogen werden, sonst werden sie nie richtig ausgeübt werden. Schlimmer noch, als sie nicht richtig auszuführen, können wir sogar etwas ernsthaft falsch machen, was schwerwiegende moralische Konsequenzen nach sich ziehen würde. Genauso wie es notwendig ist, darin geübt zu werden, für unseren Körper zu sorgen, so ist es unentbehrlich, die rechte Führung darin zu erhalten, wie wir für unseren Geist sorgen müssen. Wenn unser Geist kein angemessenes Training erhält, dann wird es uns nicht erspart bleiben, egal welches Alter, welches Geschlecht und welche Stellung in der Gesellschaft wir haben, ernsthafte Fehler zu machen.
Der durchschnittliche Mensch in dieser Welt ähnelt einem kleinen Kind, das der Führung und der konstanten Aufmerksamkeit von Erwachsenen bedarf, um sicher ein reifer Mensch zu werden. Jedoch die meisten von uns werden nur äußerlich erwachsen. Unsere Titel, unser Status und unsere eigene Wichtigkeit tendieren dazu, immer größer zu werden, aber unser Wissen und unsere Weisheit, die den richtigen Weg darstellen, um Frieden und Glück für uns und für andere zu erreichen, reifen nicht entsprechend – noch zeigen wir irgendein Interesse daran, diese zu entfalten. Folglich haben wir, wohin wir auch gehen, immer nur Schwierigkeiten. Dies waren die Gedanken, die den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann an diesem Abend zu solch tiefer Traurigkeit bewegten.
Am Fuß des Berges, wo der Weg zur Höhle Sarika begann, lag ein Meditationszentrum. Es war der Aufenthaltsort eines älteren Mönches, der erst sehr spät in seinem Leben, nachdem er geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hatte, ordinierte. Eines Abends dachte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann an diesen Mönch, fragte sich, was der wohl so täte, und ließ seinen Bewusstseinsstrom ausschweifen, um es herauszufinden. In jenem Moment war der Geist des betagten Mönches komplett in Gedanken an die Vergangenheit, Angelegenheiten seines Heims und seiner Familie verstrickt. Später in derselben Nacht schickte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann wieder seinen Bewusstseinsstrom aus, um jenen zu beobachten, und sah wieder dieselbe Geschichte. Noch einmal vor dem Morgengrauen schickte er den Strom seines cittas aus um nachzusehen und traf jenen an, wie er unaufhörlich darüber nachdachte, wieder ein weltliches Leben und damit unzählige neue Existenzen in der Zukunft aufzubauen.
An diesem Morgen hielt er auf dem Rückweg von seiner Almosenrunde an, um diesen älteren Mönch zu besuchen, und sprach das The-ma sofort an: “Wie geht es dir, alter Bruder? Fängst wieder an, baust dir ein neues Haus und heiratest deine Ehefrau wieder? Du konntest letzte Nacht überhaupt keinen Schlaf finden. Ich denke nun, dass alles arrangiert ist, sodass du dich an den Abenden entspannen kannst, ohne dich weiter abzumühen zu planen, was du deinen Kindern und Enkelkindern sagen wirst. Ich vermute mal, dass du von diesem ganzen Geschäft so in Anspruch genommen warst, dass du letzte Nacht kein Auge zugemacht hast – stimmt’s?”
Verlegen fragte der alte Mönch mit einem schiefen Lächeln: “Du weißt also, was letzte Nacht los war? Du bist außergewöhnlich, Lehrmeister Mann!”
Als Antwort darauf lächelte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann und fügte hinzu: “Ich denke du kennst dich selbst besser als ich, warum also fragst du mich? Ich bin davon überzeugt, dass du über diese Dinge absichtlich nachgedacht hast, so beschäftigt mit deinen Gedanken, dass du es versäumt hast, dich hinzulegen und die ganze Nacht keinen Schlaf fandest. Selbst jetzt ziehst du es vor, schamlos darüber nachzudenken, und verfügst über keine Achtsamkeit, um dich daran zu hindern. Du bist also immer noch dazu entschlossen, diese Gedanken in die Tat umzusetzen, oder etwa nicht?”
Als er aufhörte zu sprechen, bemerkte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann, dass dieser betagte Mönch blass geworden war, als er ob er von dem Schock oder aus Verlegenheit bewusstlos werden würde. Er murmelte etwas verwirrt, stammelnd mit einer geisterhaft klingenden Stimme, die an Wahnsinn grenzte. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erkannte dessen Zustand und wusste, dass es ernsthafte Konsequenzen haben würde, wenn er weiter sprach. Also fand er einen Grund, das Thema zu wechseln, und unterhielt sich mit ihm eine Zeit lang über andere Dinge, um ihn zu beruhigen. Danach kehrte er zur Höhle zurück.
Drei Tage später kam ein den alten Mönch unterstützender Laie zur Höhle und der Ehrwürdige Lehrmeister Mann fragte ihn nach dem Befinden des Mönches. Der Laie erzählte ihm, dass dieser am letzten Morgen ganz plötzlich fortgegangen sei, ohne die Absicht zurückzukommen.
Der Laie hatte ihn gefragt, warum er es denn so eilig hätte fortzugehen und dieser hatte geantwortet:: “Wie könnte ich hier denn länger bleiben? Am Morgen davor kam Lehrmeister Mann vorbei und erteilte mir eine derart scharfe Lektion, dass ich vor ihm fast in Ohnmacht gefallen wäre. Hätte er mir weiterhin derart die Leviten gelesen, wäre ich sicherlich ohnmächtig geworden und auf der Stelle gestorben. Aber er hielt inne und wechselte das Thema und so war es mir mit knapper Not möglich zu überleben. Wie kannst du also nach so etwas von mir erwarten, dass ich hier bleibe? Ich gehe und zwar heute.”
Der Laie hatte ihn gefragt: “Der Ehrwürdige Lehrmeister schalt dich hart? Ist das der Grund, warum du beinahe gestorben wärest und nun denkst, du kannst nicht mehr hier bleiben?”
“Er schalt mich überhaupt nicht, aber seine scharfsinnigen Fragen waren schlimmer als eine Standpauke.”
“Er stellte dir ein paar Fragen, ist das alles? Kannst du mir sagen, was er dich fragte? Vielleicht kann ich ja daraus etwas lernen.”
“Bitte frage mich nicht, was er sagte. Ich bin schon so zu Tode beschämt. Sollte irgendjemand davon erfahren, würde ich in Grund und Boden versinken. Ohne mich genauer zu äußern, kann ich dir nur so viel erzählen: Er weiß alles, was wir denken. Keine Schelte könnte schlimmer sein als das. Es ist nur natürlich, dass Menschen beides den-ken, Gutes wie Schlechtes. Wer kann das schon kontrollieren? Aber als ich mitbekam, dass Lehrmeister Mann alle meine privaten Gedanken kennt – das war einfach zuviel. Ich weiß nur, dass ich nicht hier bleiben kann. Es ist besser zu gehen und irgendwo anders zu sterben, als hier zu bleiben und ihn mit meinem ungeratenen Gedankengut zu stören. Ich kann nicht hier bleiben und mich weiterhin in Schmach bringen. Letzte Nacht konnte ich überhaupt kein Auge zudrücken – ich kann beim besten Willen diese Angelegenheit nicht vergessen”.
Aber der Laie bat ihn, es anders zu betrachten: “Warum sollte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann von deinem Denken gestört werden? Er hat keine Schuld daran. Der Schuldige, der von dem, was er getan hat, gestört werden müsste, sollte einen ernsthaften Versuch machen, dies in Ordnung zu bringen. Dieses würde der Ehrwürdige Lehrmeister Mann sicherlich schätzen. Also bleibe bitte noch eine Weile hier
– so kannst du dann, wenn diese Gedanken aufkommen, von dem Ratschlag des Lehrmeisters Mann profitieren und damit auch die Achtsamkeit entwickeln, um dieses Problem zu lösen. Dies ist viel besser, als davor wegzurennen. Meinst du nicht auch?”
“Ich kann nicht bleiben. Die Aussicht, meine Achtsamkeit zu entwickeln, um mich zu bessern, kann der Angst vor dem Lehrmeister Mann nicht beikommen: Es wäre, wie wenn eine Katze mit einem Elefanten den Kampf aufnehmen würde. Allein der Gedanke, dass er alles über mich weiß, genügt, um eine Gänsehaut zu erzeugen. Wie soll es mir dann möglich sein, einen gewissen Grad an Achtsamkeit aufrechtzuerhalten? Ich gehe heute, denn bleibe ich noch eine Weile hier, dann sterbe ich ganz gewiss. Bitte glaube es mir.”
Der Laie erzählte dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann, dass er mit diesem betagten Mönch viel Mitleid gehabt, aber nicht gewusst habe, was er sagen sollte, um ihn zum Bleiben zu bewegen. “Sein Gesicht war so bleich und er war so offensichtlich verängstigt, dass ich ihn ziehen lassen musste. Bevor er ging, fragte ich ihn, wo er denn hinwolle. Er antwortete, dass er nicht sicher sei wohin, aber wenn er nicht vorher stürbe, würden wir uns sicherlich nochmals sehen – dann ging er. Ich schickte ihm einen Jungen zu seiner Begleitung mit. Als dieser zurückkam, fragte ich ihn, aber er wusste es auch nicht, da der alte Mönch ihm nicht erzählt hatte, wohin er gehen wollte. Ich habe wirklich großes Mitleid mit ihm. Ein betagter Mensch wie er sollte so etwas nicht so persönlich nehmen.”
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann war tief bestürzt, als er sah, dass seine fürsorglichen Absichten so negative Auswirkungen hatten und sein Mitgefühl solche bedauerlichen Konsequenzen nach sich zog. Tatsächlich hatte er, als er die niederschmetternde Reaktion des Mönches am ersten Tag sah, schon geahnt, dass so etwas passieren könnte.
Danach vermied er es, den Fluss seines cittas auszuschicken um nachzusehen, in der Befürchtung, er würde dieselbe Situation wieder antreffen. Zu guter Letzt war seine Vorahnung richtig. Er erzählte dem Laien, dass er mit dem betagten Mönch auf eine vertraute Art gesprochen hätte, so wie es eben Freunde tun, spaßend in einem, ernsthaft im nächsten Moment. Er hätte es sich nicht träumen lassen, dass dies sich so übertrieben auswirken würde, dass der alte Mönch sich genötigt sah, auf solche Weise sein Kloster zu verlassen und zu fliehen.
Dieser Vorfall erteilte dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann eine wichtige Lektion und bestimmte ihn darin, wie er sich gegenüber den vielen Menschen verhielt, denen er in seinem Leben begegnete. Er war besorgt, dass sich ein solcher Vorfall wiederholen könnte, falls er es versäumte, sorgfältig die Umstände zu erwägen, bevor er etwas sagte. Von diesem Tage an machte er niemals Menschen direkt auf den spezifischen Inhalt ihrer Gedanken aufmerksam, sondern wies sie eher indirekt auf gewisse Geistesinhalte hin, um ihnen die Natur ihrer Gedanken bewusst zu machen, ohne ihre Gefühle dadurch zu verletzen. Der Geist der Menschen ist wie ein kleines Kind, das unsicher wankt, wenn es anfängt zu laufen. Die Aufgabe eines Erwachsenen ist lediglich, es sorgfältig zu beobachten, sodass es keinen Schaden nimmt. Es besteht kein Grund, ständig übervorsichtig zu sein. Dasselbe gilt für den Geist von Menschen, auch ihnen sollte man die Möglichkeit geben, aus eigener Erfahrung zu lernen. Manchmal wird ihr Denken richtig sein, manchmal falsch, manchmal gut und manchmal schlecht – dies ist nur zu natürlich. Es wäre unvernünftig, von ihnen zu erwarten, dass sie immer vollkommen gut und richtig sind.
Die Jahre, die der Ehrwürdige Lehrmeister Mann in der Höhle Sarika verbrachte, waren sehr fruchtbar. Er erlangte viele aufschlussreiche Ideen, um sein Verständnis der ausschließlich internen Aspekte seiner Meditationspraxis zu vertiefen, und viele ungewöhnliche Einsichten, welche die große Vielfalt von äußeren Phänomenen betrafen, die er in seiner Meditation erfuhr. Gern vertiefte er sich so sehr in seine Praxis, dass er die Zeit vergaß: Er nahm es kaum wahr, wie die Tage, Monate und Jahre vergingen. So wie das Wasser in der Regenzeit sanft vorbeifließt, so kamen ihm ständig intuitive Einsichten. An Nachmittagen, wenn das Wetter klar war, wanderte er durch den Wald und bewunderte die Bäume und die Berge, wobei er, in die natürliche Szenerie um ihn herum vertieft, meditierte. Kam der Abend heran, kehrte er langsam wieder zu seiner Höhle zurück.
Die Umgebung der Höhle wimmelte nur so von unzähligen Arten von wilden Tieren. Sie war reichlich mit einer Vielfalt von wilden Pflanzen und Früchten versehen und bildete somit eine natürliche Nahrungsquelle für sie. Tiere wie Affen, Languare, Flughörnchen und Gibbons, die sich von wilden Früchten ernähren, kamen und gingen sorglos. Mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, zeigten sie keine Furcht in der Anwesenheit des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann. Während er sie beobachtete, wie sie nach Futter suchten, versank er ganz in deren spielerischen Gebärden. Er empfand ein wirkliches Gefühl der Kameradschaft mit diesen Kreaturen und betrachtete sie als Genossen in Geburt, Altern, Krankheit und Tod. Denn diesbezüglich stehen Tiere und Menschen auf derselben Stufe. Obwohl sich Tiere und Menschen hinsichtlich ihrer persönlichen Schätze an Verdiensten und Güte unterscheiden, besitzen Tiere diese nützlichen Eigenschaften bis zu einem gewissen Maße auch. Tatsache ist, dass sich das Maß von angehäuften Verdiensten bei den verschiedenen Mitgliedern einer dieser beiden Gruppen erheblich unterscheiden kann. Noch dazu mögen viele Tiere sogar tatsächlich einen größeren Vorrat an Verdiensten besitzen als gewisse Menschen, aber unglücklicher Weise wurden sie in einer tierischen Existenz wieder geboren und müssen somit, solange sie leben, die Konsequenzen dafür erleiden. Menschen stehen demselben Dilemma gegenüber. Obwohl die menschliche Existenz höher ist, wie die von Tieren, müssen sie, wenn sie in harte Zeiten geraten und mittellos sind, dieses Unglück so lange ertragen, bis es vorüber ist oder die Auswirkungen dieses unglücklichen kammas erschöpft sind. Nur dann kann ein besserer Zustand erreicht werden. Auf diese Weise entfalten sich die Auswirkungen von kamma – unbegrenzt. Aus genau diesem Grund bestand der Ehrwürdige Lehrmeister Mann immer darauf, dass wir niemals auf den niederen Status oder die niedere Geburt eines Wesens herabblicken sollten. Er ermahnte uns ständig, dass das gute und schlechte kamma, das von jedem lebenden Wesen erzeugt wird, dessen einzige wahre Erbschaft sei.
Die Savaka Arahants
Während der Ehrwürdige Lehrmeister Mann in der Höhle Sarika lebte, wurde er gelegentlich von sãvaka-Arahants25 besucht, die ihm mit Hilfe eines samãdhi-nimitta erschienen. Jeder dieser Arahants gab ihm zu seinem Nutzen einen Dhamma-Vortrag, in dem er die traditionelle Praxis der »Edlen Jünger« erklärte. Hier möchte ich die Grundzüge des Gesagten wiedergeben:

Gehmeditation muss auf eine ruhige und gefasste Art durchgeführt werden. Wende Achtsamkeit an, um deine Aufmerksamkeit auf die Arbeit, die du dir vorgenommen hast, zu richten. Untersuchst du die Natur der khandhas oder die körperliche Zusammensetzung oder ganz einfach ein bestimmtes Dhamma-Thema, dann sorge dafür, dass Achtsamkeit fest mit diesem Objekt verknüpft ist. Erlaube deiner Aufmerksamkeit nicht abzuschweifen. Solch eine Vernachlässigung ist ein Merkmal von jemand, der nicht in einer spirituellen Basis verankert ist und somit keinen sicheren inneren Zufluchtsort besitzt. Achtsames Gewahrsein sollte eine jede Bewegung in all deinen täglichen Verrichtungen begleiten. Verrichte diese Dinge nicht, als ob du so tief schlafen würdest, dass du nicht achtsam gewahr bist, wie dein Körper sich herumwälzt oder wie sehr dein schlafender Geist träumt. Dein morgendlicher Almosengang, das Essen deiner Nahrung und seine Notdurft erleichtern: In all diesen grundlegenden Dingen solltest du ganz strikt den traditionellen Praktiken der Edlen Jünger des Erhabenen Buddha folgen. Verhalte dich niemals so, als ob du kein angemessenes Training in der Lehre und Disziplin erhalten hättest. Verhalte dich immer wie ein wahrhaftiger samaõa26 mit dem ruhigen und friedlichen Benehmen, das von jemandem, der als Jünger des Buddha ordiniert, erwartet wird. Das bedeutet, Achtsamkeit und Weisheit in jeder Haltung zu bewahren, als Weg, um die Gifte, die tief in deinem Herzen verborgen liegen, zu entfernen. Untersuche ganz genau dein Essen, das du zu dir nimmst. Erlaube nicht dem Essen, das dir schmeckt, Gift in deinem Geist anzuhäufen. Obwohl von Nahrung, die ohne richtige
25 Sãvaka: sind diejenigen Wesen, die die Lehre des Buddha’s hören und ihn zu ihren Lehrer erklären, sprich ein direkter Anhänger des Buddha’s 26 Altes indisches Wort, das bedeutet »jemand der sich spirituell bemüht«
Untersuchung zu sich genommen wird, der Körper gestärkt wird, wird der Geist durch deren schädliche Auswirkungen geschwächt. Wenn du deinen Körper mit Essen ernährst, das du unachtsam zu dir nimmst, dann wirst du dich mit der Nahrung nur selbst zerstören, indem du deine geistige Vitalität erschöpfen wirst.
Ein samaõa darf niemals sein eigenes Wohlsein oder dasjenige anderer durch das schamlose Anhäufen von kilesas in Gefahr bringen, da sie nicht nur ihm Schaden zufügen, sondern leicht auflodern und sich ausbreiten und somit auch andere schädigen können. Nach Ansicht der Edlen Jünger des Erhabenen Buddha muss man alle geistigen Verunreinigungen außerordentlich fürchten. Die äußerste Sorgfalt sollte ausgeübt werden, um sicherzustellen, dass der Geist kein Ausfließen von kilesas zulässt, da jedes einzelne wie eine Feuerwand alles, was ihr in den Weg kommt, zerstört. Das Edle Dhamma, das von allen Edlen Jüngern des Erhabenen Buddha praktiziert wird, betont den Gebrauch von unbedingter Selbstdisziplin zu jeder Zeit und unter jeder Bedingung – sei es im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen, beim Einnehmen von Nahrung oder sich Erleichtern oder bei allen Unterhaltungen und sozialen Kontakten. Unachtsames, undiszipliniertes Verhalten ist eine Gewohnheit der kilesas, die in Richtung unheilsamer Gedanken führt und somit den Zyklus von Geburt und Tod in Gange hält. Wer sich wünscht, dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entfliehen, sollte solche kläglichen Gewohnheiten vermeiden, denn diese führen ihn lediglich tiefer in den Abgrund und machen ihn möglicherweise zu der am meisten unerwünschten Person: Einem miserablen samaõa. Niemand wünscht sich, miserable Nahrung zu sich zu nehmen, niemand wünscht sich, in einem miserablen Haus zu wohnen, und niemand wünscht sich, üble Kleidung anzuziehen oder die-se auch nur anzusehen. Normalerweise verachten Menschen üble Dinge und halten sich von ihnen fern – wieviel mehr, wenn es sich um eine üble Person mit einem üblen Geist handelt. Aber das verabscheuungswürdigste ist ein miserabler samaõa, der als buddhistischer Mönch ordinierte. Seine Erbärmlichkeit durchbohrt gleichermaßen das Herz von guten wie schlechten Menschen und es durchbohrt ohne Ausnahme das Herz aller devas und brahmas. Aus diesem Grunde sollte man danach streben, ein wahrhaftiger samaõa zu werden, der zu jeder Zeit äußerste Sorgfalt übt, achtsam und beherrscht zu sein.
Von all den vielen Dingen in der Welt, welche die Menschen schätzen und für die sie sorgen – ist der Geist des Menschen das Wertvollste. Der Geist ist tatsächlich das Beste in der ganzen Welt, sorge also dafür, dass du dich gut um ihn kümmerst. Die wahre Natur des Geistes schauen heißt Dhamma schauen. Den Geist zu verstehen, ist dasselbe wie das Dhamma zu verstehen. Wird der Geist verstanden, dann wird das Dhamma in seiner Ganzheit auch verstanden. Die Verwirklichung des Geistes ist die Verwirklichung von Nibbãna. Klar ausgedrückt: Der Geist ist ein unschätzbarer Besitz und er sollte niemals vernachlässigt werden. Wer den außergewöhnlichen Status, den der Geist im Körper besitzt, vernachlässigt, wird immer, wie viele Hunderte oder Tausende Male er oder sie auch wieder geboren wird, eine schlechte Geburt haben. Wenn wir diese wertvolle Natur unseres eigenen Geistes erkannt haben, sollten wir ihn niemals vernachlässigen, weil wir sicher sein können, dass wir es später bereuen werden. Da solche Reue vermeidbar ist, sollten wir dafür sorgen, dass sie nie entsteht.
Menschen sind die intelligenteste Form des Lebens auf der Erde. Als solche sollten sie sich nicht in Unwissenheit suhlen. Sonst werden sie ein unerträglich elendes Dasein fristen und niemals das geringste Glück finden. Die Art und Weise, wie ein samaõa all seine Verrichtungen durchführt, die äußeren wie die spirituellen, setzt ein vertrauenerweckendes Beispiel, dem der Rest der Welt folgen kann. Die Arbeit, die er verrichtet, ist rein und tadellos. Seine Handlungen sind sowohl rechtschaffen als auch gelassen. Also bemühe dich darum, dir die beispielhafte Arbeit eines samaõas anzueignen, und bringe sie beständig zum Gedeihen, damit, wo auch immer du hingehst, deine Praxis sich dementsprechend ständig verbessert. Ein samaõa, der Moral und Tugend hochhält, Konzentration schätzt, Achtsamkeit schätzt, Weisheit und unermüdliche Anstrengungen schätzt, der darf sich sicher sein, dass er den Status eines vollkommenen samaõas jetzt verwirklichen wird und ihn auch in der Zukunft aufrechterhalten kann.
Diese Lehrdarlegung wurde dir von einem eifrigen Manne mit Durchhaltevermögen, einem siegreichen spirituellen Krieger, einem herausragenden Individuum, der das dukkha vollkommen überwunden und sich von allen Fesseln befreit hat, gegeben. Er erreichte die absolute Freiheit und wurde zum Erhabenen Buddha, dem höchsten Führer und Lehrer der drei Existenzwelten. Kannst du den außergewöhnlichen Wert, den diese Lehre für dich enthält, erkennen, dann wirst du dich auch in nicht allzu langer Zeit von den kilesas befreit haben. Ich vertraue dir diese Dhammalehre an, in der Hoffnung, dass du ihr sorgfältig Beachtung schenkst. Auf diese Weise wirst du unglaubliche Wunder in deinem Geist entstehen sehen, die schon von ihrer Natur her herrliche und wunderbare Dinge sind.

Nachdem der sãvaka-Arahant, der ihm eine solche Lehrrede dargeboten hatte, wieder entschwunden war, nahm der Ehrwürdige Lehrmeister die Dhammalehre demütig auf und kontemplierte sie in jedem einzelnen Aspekt, griff jeden einzelnen Punkt heraus und untersuchte diesen dann sorgfältig. Als immer mehr sãvaka-Arahants kamen, um ihn zu unterweisen, gewann er durch das Hören ihrer Darlegungen viele neue Einsichten in die Praxis. Das Hören dieser wundervollen Dhammalehrreden steigerte seine Begeisterung für die Meditation und vergrößerte sein Verständnis von Dhamma um ein Vielfaches.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erzählte, wenn er der Lehrrede eines Arahantschülers des Buddha zuhörte, habe er das Gefühl gehabt, als ob er sich persönlich in der Gegenwart des Erhabenen Buddha befände, obwohl er keine Rückerinnerung hatte, jemals den Erhabenen Buddha getroffen zu haben. Während er aufmerksam lauschte, wurde sein Herz vollkommen durchdrungen und er vertiefte sich derart in das Dhamma, dass für ihn in diesem Moment die gesamte physische Welt einschließlich seines Körpers aufhörte zu existieren. Nur das citta blieb übrig und sein Gewahrsein leuchtete hell mit der Ausstrahlung von Dhamma. Erst später, wenn er sich aus diesem Zustand zurückzog, merkte er, was für ein erdrückender Berg noch immer vor ihm lag, denn er wurde sich wieder seines physischen Körpers bewußt
– der Brennpunkt, an dem die anderen vier khandhas wieder erschienen – jedes für sich eine schwere Masse an Unzufriedenheit.
Während seines langen Aufenthalts in der Höhle Sarika unterhielt sich der Ehrwürdige Lehrmeister Mann mit vielen dieser sãvaka-Arahants und folgte ihren Ratschlägen. So wurde diese Höhle zu dem ungewöhnlichsten Platz, an dem er sich je aufhielt. Während er dort lebte, brannte sich das Dhamma in seinem Herzen mit so einer unanfechtbaren Sicherheit ein, dass er die Frucht des Anãgãmï verwirklicht hatte. Den buddhistischen Texten zufolge hat sich der Anãgãmï von den fünf niederen Fesseln, welche die Lebewesen an den Kreislauf der Wiedergeburten binden, befreit und dies sind: sakkãya diååhi, vicikicchã, sïlabbataparãmãsa, kãmarãga, und paåigha. Jeder, der diese Ebene der Verwirklichung erreicht hat, ist sicher, nie wieder auf der menschlichen oder einer anderen Ebene der Existenzen wieder geboren zu werden, auf der die Körper aus den vier groben physischen Elementen – Erde, Wasser, Feuer und Luft – bestehen. Sollte so ein Wesen es nicht schaffen, die Stufe des Arahants zu erreichen, bevor es stirbt, dann wird es in dem Moment seines Todes in einer der fünf Reinen Ebenen der Brahma-Welten wieder geboren. Ein Anãgãmï wird entweder, entsprechend seinem Fortschritt auf dem Weg zum Arahant, auf der Existenzebene des aviha, atappa, sudassa, sudassï oder akaniååha wieder geboren.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann gab die Tatsache, dass er die Ebene des Anãgãmï in der Sarika Höhle verwirklicht hatte, nur seinen engeren Schülern preis, aber ich habe mich mit Hinblick auf den Leser entschlossen, dies hier öffentlich zu erklären. Sollte diese Preisgabe in irgendeiner Weise als unangemessen erscheinen, so verdiene ich den Tadel, hier nicht etwas umsichtiger gewesen zu sein.
Als er dort noch viele Monate friedvoll praktiziert hatte, empfand der Ehrwürdige Lehrmeister Mann eines Nachts ein ungewöhnlich starkes Mitgefühl für seine Mitmönche. Zu jener Zeit entstanden jede Nacht wahrhaft wundervolle Einsichten in seiner Meditationspraxis. Er wurde sich vieler seltsamer und wundervoller Dinge bewusst – Dinge, die jemals zu sehen, er sich nicht hätte träumen lassen. In der Nacht, da er voller Mitgefühl an seine Mitmönche dachte, wies seine Meditation eine außergewöhnliche Qualität auf. Sein citta zeigte eine ganz besondere ätherische Verfeinerung in samãdhi, was wiederum zu vielen außergewöhnlichen Einsichten führte. Während er die schädlichen Auswirkungen, die ihm seine eigene vergangene Unwissenheit bereitet hatte, vollkommen erkannte, war er zu Tränen gerührt. Zur selben Zeit erkannte er den Wert seiner Anstrengungen, die aufrechtzuerhalten er sich so gewissenhaft bemüht hatte und die ihn dann schließlich die Frucht seiner Bemühungen hatten ernten lassen. Eine tiefe Wertschätzung für die höchste Bedeutung des Erhabenen Buddha entstand in seinem Herzen, denn dieser war es, der so mitfühlend das Dhamma verkündet hatte, dass andere Menschen ihm in seinen Fußstapfen folgen konnten, und der ihnen damit ermöglicht hatte, die komplizierte Natur ihres eigenen kamma und ebenso des kamma von anderen Lebewesen zu erkennen. Aus diesem Grunde ist folgender Dhammapãda Vers, der prägnant die ganze Lehre des Buddha zusammen fasst, von wesentlicher Bedeutung: Alle Wesen werden aufgrund ihres kammas geboren und kamma ist ihr einziger wahrer Besitz.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann ermahnte sich beständig, dass er trotz der wahren und wunderbaren Eigenart dieser Einsichten selbst noch das Ende des Weges, der zur Vernichtung allen dukkhas führt, zu verwirklichen hätte. Hierzu müsste er all seine Energie mit unerschütterlichem Vorsatz in seine Praxis legen. Fürs Erste war er froh, dass seine chronische Magenentzündung, unter der er so lange gelitten hatte, nun vollkommen geheilt war. Mehr als das, sein Geist war nun fest in einer soliden spirituellen Basis verankert. Obwohl er noch seine kilesas vollkommen vernichten musste, war er sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Seine Meditationspraxis entwickelte sich nun reibungslos und wies keine der früheren Schwankungen mehr auf. Anders als in vergangenen Zeiten, wenn er im Finstern tappte und sich tastend vorwärts bewegte, war er sich nun des Weges sicher, der zum allerhöchsten Dhamma führte. Er war vollkommen davon überzeugt, dass er eines Tages alles dukkha überwinden würde.
Seine Achtsamkeit und Weisheit hatten nun ein Stadium erreicht, in dem sie ununterbrochen in vollständigem Einklang arbeiteten. Er brauchte sie niemals wieder in Aktion zu zwingen. Tag und Nacht entstanden Weisheit und Verständnis – sowohl innere spirituelle Einsichten als auch die Wahrnehmung von unzähligen äußeren Phänomenen. Je mehr sich sein Geist an diesem wundervollen Dhamma ergötzte, umso mehr fühlte er auch mit seinen Mitmönchen mit: Er wollte die-se außergewöhnlichen Einsichten unbedingt mit ihnen teilen. Zu guter Letzt veranlasste ihn dieses tiefe Mitgefühl dazu, diese für ihn wohltätige Höhle zu verlassen. Wenn auch mit einigem Widerstreben, ging er schließlich von dannen, um die dhutanga-Mönche aufzusuchen, die er vorher, als er noch im Nordosten lebte, kennengelernt hatte.
Mehrere Tage vor seiner Abreise von der Höhle Sarika besuchte ihn eine Gruppe von Erd-devas, angeführt von diesem mysteriösen Wesen, das er zuerst hier angetroffen hatte, um seine Dhamma-Darlegung zu hören. Nachdem er geendet hatte, informierte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann sie von seiner Entscheidung und teilte ihnen mit, dass er bald fortginge. Da sie ihn nicht gehen lassen wollten, bearbeitete ihn die große Gruppe von devas, um ihres längeren Wohlbefindens und Gedeihens willen dazubleiben. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erklärte, dass er, wie er aus einem bestimmten Grunde in diese Höhle gekommen sei, auch Gründe hätte weiterzuziehen – er kam und ging nicht einfach, indem er sklavisch seinen eigenen Wünschen folgte. Er bat sie um Verständnis und warnte sie vor dem Gefühl der Enttäuschung. Er versprach auch zurückzukommen, wenn sich die Gelegenheit ergeben würde. Die devas drückten ihr aufrichtiges Bedauern aus und erwiesen ihm ihre wahrhafte Zuneigung und ihren Respekt, die sie ihm gegenüber schon immer gefühlt hatten.
Um ungefähr 22 Uhr, vor seiner Abreise, dachte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann an Chao Khun Upãli im Kloster Wat Boromaniwat und fragte sich, worüber dieser wohl im Moment nachdachte. Also konzentrierte er sein citta und sendete seinen Bewusstseinsstrom aus, um ihn zu beobachten. Er fand heraus, dass Chao Khun Upãli im Moment darüber nachdachte, in welchem Verhältnis avijjã zu paåiccasamuppãda stand. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann notierte Zeit und Datum. Als er dann in Bangkok ankam, erkundigte er sich bei Chao Khun Upãli über das, was er beobachtet hatte. Mit einem herzlichen Lachen bestätigte Chao Khun Upãli sofort, dass dies der Wahrheit entspräche und sprach folgende Worte dazu:
“Du bist wirklich meisterhaft. Ich selbst bin ein respektierter Lehrer, jedoch im Vergleich mit dir bin ich geradezu dumm – und ich schäme mich. Du bist wirklich ein Meister. Auf solche Weise sollte ein wahrhafter Schüler des Erhabenen Buddha in die Fußstapfen des allerhöchsten Lehrers treten. Wir können nicht alle unzureichend in unserer Praxis des Erhabenen Buddha Lehre sein – jemand muss dieses Höchste Dhamma in dem Geist, in dem es einst gelehrt wurde, erhalten. Indem wir nicht zulassen, dass die modernen Zeiten, in denen wir leben, eine faule und niedergeschlagene Einstellung gegenüber den Höchsten Verwirklichungen nähren, zeigst du uns die zeitlose Qualität der Buddhalehre. Anderenfalls würde das wahre Dhamma, trotz der Tatsache, dass es der Erhabene Buddha zum Wohle der ganzen Menschheit dargelegt hat, nicht mehr in der Welt erscheinen. Das außergewöhnliche Wissen, das du mir gerade gezeigt hast, ist wirklich bewundernswert. Das ist der Weg, auf dem die Lehre des Erhabenen entwickelt und in die Praxis umgesetzt werden sollte.”
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann erwähnte, dass Chao Khun Upãli ihm höchste Bewunderung und Respekt hatte zukommen lassen. Es gab einige Gelegenheiten, wo er nach dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann schickte, damit er ihm bei der Lösung von gewissen Problemen half, die zu seiner Zufriedenheit zu lösen er sich selbst außerstande sah. Als die Zeit gekommen war, verließ der Ehrwürdige Lehrmeister Mann Bangkok und kehrte direkt in den Nordosten zurück.
In den Jahren vor seinem Rückzug in die Höhle Sarika wanderte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann im angrenzenden Burma umher und kehrte von dort über die nördlichen Thaiprovinzen von Chiang Mai zurück. Von hier aus wandte er sich nach Laos und praktizierte dort eine Zeit lang das asketische Leben in der Gegend von Luang Prabang und kehrte dann schließlich nach Thailand zurück, um die Regenzeit nahe dem Dorf von Ban Khok und sehr nahe der Höhle von Pha Pu in der Provinz Loei zu verbringen. Damals waren all diese Gegenden Wildnis, wo es von wilden Tieren nur so wimmelte und Ansiedlungen nur selten anzutreffen waren und weit verstreut lagen. Man konnte den ganzen Tag wandern, ohne eine Siedlung zu Gesicht zu bekommen. Jemand, der sich in dieser gewaltigen Wildnis verlief, fand sich in der prekären Situation wieder, die Nacht in einer unwirtlichen Umgebung mit Tigern und anderen wilden Tieren verbringen zu dürfen.
Bei einer Gelegenheit überquerte der Ehrwürdige Lehrmeister Mann den Fluss Mekong und ließ sich in einem großen Gebiet von bergigem Wald auf der laotischen Seite nieder. Während er dort lebte, streifte ein riesiger bengalischer Tiger häufig in seinem Lebensraum umher. Er kam immer während der Nacht, kauerte in guter Entfernung von ihm und beobachtete, wie er in seiner Meditation auf und ab ging. Ab und zu, wenn er frei in der Gegend herumstreifte, brüllte er, zeigte jedoch niemals eine drohende Gebärde. Der Ehrwürdige Lehrmeister Mann war daran gewöhnt, in allernächster Nähe von wilden Tieren zu leben, und zeigte deshalb auch wenig Interesse an diesem Tiger. Während dieser Wanderung wurde er von einem anderen Mönch, ãcariya Sitha, begleitet. ãcariya Sithas Meditationspraxis war hervorragend. Er liebte die Abgeschiedenheit, die diese Wildnis bot, und zog es vor, in den Bergen, die sich auf der Seite von Laos entlang des Flusses Mekong hinziehen, zu leben. Nur ganz selten überquerte er den Fluss, um nach Thailand zu gehen, aber dann auch nicht für lange.
Damals lebten der Ehrwürdige Lehrmeister Mann und ãcariya Sitha ein gutes Stück voneinander entfernt und jeder stützte sich für seinen Almosengang auf ein anderes Dorf. Eines Nachts während seiner Gehmeditation wurde ãcariya Sitha von einem riesigen bengalischen Tiger heimgesucht. Der Tiger schlich sich heran und kauerte ungefähr zwei Meter von seinem Meditationspfad entfernt in der Mitte der zwei Kerzen, die am Anfang und Ende des Pfades aufgestellt waren, um ihn, während er in der Dunkelheit auf und ab ging, den Weg sehen zu lassen. Das Gesicht dem Meditationspfad zugewandt, blieb er dort bewegungslos, ruhig wie eine Hauskatze, sitzen und beobachtete von gegenüber ãcariya Sitha, während dieser in sich versunken auf und abging. Ãcariya Sitha nahm etwas Ungewohntes wahr und wurde sofort misstrauisch, da sich normalerweise nichts entlang seines Meditationspfades befand. Er schielte zur Seite und nahm diesen riesigen bengalischen Tiger wahr, der ihn – seit wann konnte er nicht sagen – fixierte. Jedoch hatte er keine Angst. Er beobachtete lediglich den Tiger, wie dieser bewegungslos dasaß und ihn wie ein großes ausgestopftes Tier anstarrte. Nach einem kurzen Moment nahm er seine Gehmeditation wieder auf, jedesmal beim Auf- und Abgehen am Tiger vorbei, aber Gedanken der Angst kamen ihm nicht in den Sinn. Er nahm jedoch wahr, dass dieser dort ungewöhnlich lange kauerte. Von Mitgefühl mit ihm erfüllt, richtete er den Strom seines Bewusstseins auf den Tiger: »Warum nicht herumstreifen und etwas zum Fressen finden?« In demselben Moment, wo dieser Gedanke entstand, gab der Tiger ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich, das durch den ganzen Wald schallte. Dieses Gebrüll ließ ãcariya Sitha ohne Zweifel, dass der Tiger vorhatte zu bleiben, also änderte er sofort seine Taktik und überlegte: »Ich dachte dies ja nur, weil ich Mitleid mit dir hatte. Ich war besorgt, dass du hung-rig wirst, wenn du hier so lange herum kauerst. Du hast immerhin einen Mund und einen Magen, den du füllen musst, so wie eben alle anderen Kreaturen auch. Aber wenn du keinen Hunger verspürst und hier kauern bleiben und mich beobachten willst, ist das auch fein und ich habe nichts dagegen.«
Der Tiger zeigte keinerlei Reaktion auf ãcariya Sithas Meinungsänderung – blieb weiter kauern und beobachtete ihn. Ãcariya Sitha nahm seine Gehmeditation dann wieder auf und schenkte ihm kein Interesse mehr. Einige Zeit später verließ er den Meditationspfad und ging zu einer kleinen nahe gelegenen Bambusplattform, um eine Pause einzulegen. Eine Zeit lang rezitierte er einige Suttas und saß dann friedvoll in Meditation, bis es Zeit zum Schlafen war, was er im Liegen auf der Plattform dann auch tat. Während der ganzen Zeit blieb der Tiger nicht weit entfernt an seinem Platz kauern. Als er dann aber um 3 Uhr morgens erwachte, um seine Gehmeditation wieder aufzunehmen, war nirgends ein Anzeichen des Tigers zu sehen – er hatte keine Ahnung, wo er geblieben war. Es ergab sich so, dass er den Tiger nur dieses eine Mal sah. Von da an bis zu dem Zeitpunkt, an dem er den Platz verließ, kam dieser nie mehr wieder.
Dieser Vorfall verblüffte ãcariya Sitha und als er den Ehrwürdigen Lehrmeister Mann traf, beschrieb er diesem, wie der Tiger dort gekauert und ihn beobachtet hatte. Er erzählte, dass der Tiger genau in dem Moment gebrüllt habe, wo ihm der Gedanke gekommen sei, er sollte fortgehen, und obwohl er sich keiner Angst bewusst gewesen sei, hätten ihm in diesem Moment die Haare zu Berge gestanden und sei die Kopfhaut taub geworden, als ob er eine Mütze getragen hätte. Aber bald danach habe er sich wieder normal gefühlt und seine Gehmeditation erneut aufgenommen, als ob nichts geschehen sei. Ziemlich sicher sei da ein wenig Angst, tief in ihm vergraben, vorhanden gewesen, aber er habe sie zu dieser Zeit nicht wahrnehmen können. Obwohl der Tiger niemals wieder seinen Lebensraum kreuzte, hörte er doch häufig den Klang seines Gebrülls durch den nahen Wald schallen. Ãcariya Sithas Geist blieb jedoch standhaft und er praktizierte zufrieden weiter, wie er es eben immer getan hatte.